Die Jagd – Filmkritik

Eine Filmkritik von FilmkritikenOD zum dänischen Drama Die Jagd mit Mads Mikkelsen in der Hauptrolle.

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Passierschein A38 – ein (rein fiktives) Drama von FilmkritikenOD aus dem Jahre 2016

Personen

  • Horst Arnold, Lehrer
  • Heidi Külzer, Lehrer & späterer Konrektor
  • Barbara Bunk, Richter
  • Jürgen Dreyer, Richter
  • Christoph Trapp, Richter
  • Dorothea Henzler, Kultusminister Hessens
  • Ulrich Wilken, MdL in Hessen
  • Horst Plefka, Kriminalhauptkommissar
  • Hartmut Lierow, Rechtsanwalt
  • Anja Keinath, Frauenbeauftragter
  • Ein Psychiater

[…]

4. Aufzug; 1. Szene

Zur Erinnerung: Horst Arnold wurde 2001 von seiner früheren Kollegin Heidi Külzer der Vergewaltigung bezichtigt. 2002 wurde er allein aufgrund der Aussage Heidi Ks verurteilt. Nachdem er sich weigerte, sich in eine spezielle Therapie für Sexualstraftäter zu begeben, musste er die gesamte Haftstrafe bis ins Jahr 2006 hinein verbüßen. Nachdem Zweifel an der Glaubwürdigkeit Heidi Ks aufkamen, wurde Horst A. 2011 freigesprochen. Jetzt endlich sieht er sich in der Lage, wieder in seinen alten Job zurückzukehren.

2012, Zimmer der Dorothea Henzel, damaliger Kultusminister Hessens

Horst Arnold klopft an der Tür. Dorothea spielt gerade mit einer chinesischen Fingerfalle und ruft:

DOROTHEA. Einen Moment, bitte!

Sie bekommt das klebrige Röhrchen nicht von den Fingern und legt ihre Hände in den Schoß. Während dem Gespräch fuchtelt sie immer wieder mit den Armen umher.

DOROTHEA. Herein!

HORST. Guten Tag, Frau Henzel.

DOROTHEA. Hallo. Setzen sie sich doch, Herr, ähm…

HORST. Arnold, mein Name ist Arnold. Ihre Sekretärin hat letzte Woche diesen Termin mit mir ausgemacht.

Er streckt ihr die Hand hin, aber sie macht wegen der Fingerfalle keine Anstalten, darauf einzugehen.

DOROTHEA. Arnold, soso. Und ihr Nachname?

HORST. Das ist mein Nachname. Ich bin Horst Arnold.

DOROTHEA. Achja, Herr Arnold. Ich habe sie gar nicht erkannt. Gut sehen sie aus. Bevor sie irgendetwas sagen, möchte ich sie beglückwünschen. Freispruch, toll! Wie fühlt es sich an, endlich zu wissen, dass sie kein Vergewaltiger sind?

HORST. Das weiß ich bereits seit 10 Jahren.

DOROTHEA. Wissen heißt nicht, andere überzeugen können. Lacht. Oder, Herr Arnold?

HORST. Ich saß fünf Jahre unschuldig im Gefängnis. Und nun es hat weitere fünf Jahre gedauert, bis ich freigesprochen wurde. Ich leide unter Depressionen, bekomme keine Arbeit mehr und meine damaligen Freunde und meine Familie…

DOROTHEA. Jetzt stoßen wir doch erst einmal auf ihren Freispruch an. Das muss ein schönes Gefühl sein, nicht wahr?

Sie bekommt die Fingerfalle nach wie vor nicht herunter.

DOROTHEA. Später vielleicht, ich bin ja im Dienst. Wo waren wir stehengeblieben?

HORST. Mein Antrag auf Haftentschädigung wurde bis heute nicht bearbeitet und jetzt möchte ich Sie fragen, wie es mit meiner Wiedereingliederung als Lehrer ausschaut?

DOROTHEA. Herr Horst. Wie sie sich denken können, tut es mir unendlich leid, was ihnen Frau Külzer angetan…

HORST. Und das deutsche Justizsystem!

DOROTHEA. Na, das sagen sie mal besser nicht dem Jörg-Uwe. Lacht. Die Falschbeschuldigung der Frau Külzer war nicht in Ordnung, das wissen wir jetzt. Und sie haben ihren Freispruch erreicht. Glückwunsch nochmal. Aber so einfach ist das alles nicht. Kommen wir erstmal zu ihrer Entschädigung:
Wer ist für ihren Lebensunterhalt während der Haftzeit aufgekommen?

HORST. Das ist jetzt nicht Ihr ernst, oder?

DOROTHEA. Genau, der Staat. Verpflegung, Unterkunft, Arbeitsplatz, Kleidung, Wäsche waschen, Bereitstellung von Unterhaltungsmöglichkeiten – was denken sie, was das den Steuerzahler alles gekostet hat? Und wie wir jetzt herausgefunden haben, haben sie all diese Leistungen ungerechtfertigterweise erhalten. Also…

HORST. Das kann nicht Ihr ernst sein. Wo ist die versteckte Kamera? Da oben?

DOROTHEA. Und bezüglich ihrer alten Anstellung als Lehrer. Nunja, ihre Schule hat eine erheblich Verjüngungskur durchgemacht und sie sind nicht mehr unbedingt der Jüngste, will ich meinen.

HORST. Sind Sie nicht 10 Jahre älter als ich?

DOROTHEA. Mit Verlaub, ich bin Politikerin. Da kommt es nicht aufs Alter an, sondern darauf, was man leistet. Aber wenn sie mir jetzt schon so schnippisch kommen, dann sag ich ihnen gleich, worauf dieses Gespräch hinausläuft. Sie müssen sich wie jeder andere normale Mensch neu auf ihre alte Stelle bewerben. Warum sollten sie eine Sonderbehandlung bekommen? Gleichheitsgrundsatz, mein Lieber. Außerdem haben Sie jetzt immerhin zehn Jahre nicht in ihrem Beruf gearbeitet. Die Zeiten und die Lehrpläne haben sich geändert. Dazu ist Frau Külzer jetzt Konrektorin und wir wollen doch keine schlechte Stimmung im Kollegium, oder?

HORST. Frau Külzer hat mich der Vergewaltigung beschuldigt und muss sich vor Gericht dafür verantworten! Warum sollte sie ihre Anstellung behalten?

DOROTHEA. In unserem Rechtsstaat gibt es Prinzipien, Herr Arnold. Jeder ist solange unschuldig, bis seine Schuld bewiesen wurde. Das sollten sie doch am besten wissen.

[…]

Darum geht es

die-jagd-poster

© Wild Bunch

Mads Mikkelsen spielt einen Erzieher in einem kleinen dänischen Dorf. Jeder kennt jeden und alles spricht sich sofort herum. Nachdem er ein Geschenk der kleinen Klara abgelehnt hat, behauptet diese, Mads habe ihr seinen Penis gezeigt. Als ein Pädagoge durch eine äußerst fragwürdige Fragetechnik diese Geschichte bestätigt sieht, finden sich plötzlich viele weitere Kinder, mit denen Mads in seinem Keller gespielt habe.
Das Dorf ist aufgebracht und interessiert sich nicht für die Wahrheitsfindung, sondern nimmt die Dinge eigenständig in die Hand. Der Spruch wo kein Richter, da kein Henker scheint selbst für seine einstigen Freunde nicht mehr zu gelten.

Wo hat er dich berührt? An deiner Vagina? Lisander, ich nehme jetzt deinen Finger und du sagst stop, wenn du auf das Körperteil zeigst, wo er dich berührt hat, okay?

Was soll man da als Kind groß machen? Aber darum geht es in dem dänischen Drama die Jagd nicht unbedingt. Vielmehr steht die Verselbständigung einer Anschuldigung im Raum. Ein einziges Wort kann das Leben eines Menschen zerstören. Für immer. Selbst wenn vor Gericht entschieden wurde, dass das vermeintliche Opfer gelogen habe, bleiben unzählige, die es besser wissen. Ein Gerichtsurteil entspricht nicht gleich der Wahrheit.
Aber wer weiß letztendlich, was die Wahrheit ist? Der Täter und das Opfer. Der vermeintliche Täter und das vermeintliche Opfer. Es mag der Grundsatz herrschen, dass der Aussage des Opfers so lange nicht geglaubt wird, bis das Gegenteil bewiesen wurde. Aber erzählt das mal der allgemeinen Schwarmintelligenz. Und plötzlich sieht sich ein Richter damit konfrontiert, eine Person freizusprechen, die eventuell jemanden vergewaltigt hat. Oder jemanden ins Gefängnis zu bringen, der unschuldig ist.

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© Wild Bunch

Aber gibt es die vollkommene Freiheit für einen einmal der Vergewaltigung wegen Angeklagten überhaupt noch? Herabwürdigende Blicke von der Seite; Leute, die sich hinter dem Rücken das Maul zerreißen; Eltern, die ihre Kinder wegziehen. Was hat der Zwang, sein altes Leben hinter sich zu lassen, mit frei sein zu tun?
Umso schöner ist es von die Jagd, dass er die Schuldfrage nicht auf das vermeintliche Opfer kanalisiert, sondern auf die Medien, die Nachbarn, eben all jene, die vor einem öffentlichen Pranger nicht halt machen. Dazu schildert er eine realistische Zeitlinie, in der sich die Beteiligten mehr und mehr gegenseitig hochschaukeln. Alles gipfelnd in einem Ende, das eine alles entscheidende Frage aufwirft.

Jedenfalls finde ich die Jagd supercalifragilisticexpialigetisch und wer ihn noch nicht gesehen hat und etwas bräune vertragen kann, der schraubt die Glasfront seines Röhrenfernsehers ab und genießt, was auf ihn zukommt.
FilmkritikenOD vergibt die Högschde Empfehlung für alle Zuschauergruppen.

Wie groß war er denn Klara?

Wie groß war er denn, Klara?

© Wild Bunch

Holt die Mistgabeln

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