Eden Lake – Filmkritik

Eine Filmkritik von FilmkritikenOD zum Horror-Film Eden Lake mit Michael Fassbender und Kelly Reilly.

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Aus dem Tagebuch eines selbsternannten Filmkritikers

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© Universum Film

Ich erinnere mich leider nicht, was ich geträumt habe. Meine Unterbuxe ist Zeuge, dass ich mich allzu gerne erinnern würde. Zum Glück habe ich noch eine Packung rei in der Tube für die Reise und daheim im Bad rumstehen. 2 Zentimeter auf 5 Liter Wasser verteilen. Ein Hoch auf mein Obi-Lineal. Aber mein Messbecher muss mir in den großen Messingkriegen verloren gegangen sein. Innovativ wie ich bin, umgehe ich das Problem, indem ich mich dusche und ohne Boxershort aus dem Haus gehe. Die Reibung lässt mich in Zukunft länger durchhalten und schön luftig ist es auch noch. Aber war da nicht ein Grund, wieso ich gerne enge Höschen trage? Verdrängen lautet das Zauberwort meiner Jugend, als ich noch aus jedem Pool ein Wellenbad gemacht habe. T-Shirt mit Bart Simpson vorne drauf. Weil ich es mir wert bin. Hoffentlich sieht mich Palina Rojinski in diesem Aufzug nicht, denke ich mir, als ich auf die Taste für das Erdgeschoss drücke. Unten angekommen, kaufe ich mir ein Brötchen beim Bäcker. 1,10€ für die paar Leinsamen? Das sind ja 2,20 in DM. Aber dort gibt es keine Brötchen, erinnert mich die Verkäuferin. Ich bin sonst nicht leicht zu überzeugen, genau genommen wurde ich nur einmal gezeugt und die Erinnerung daran ist wie eine Wasserrutschenfahrt. Huiii.
Ein leichtes Déjà-Vu schafft es nicht, den gordischen Knoten um mein Hirn zu zerschlagen. Was habe ich geträumt?

Samstags im Aldi. „Wir öffnen jetzt Kasse 3.“ Eine schüchterne Sie schlängelt sich an mir vorbei. „Im Supermarkt ist es wie in der Liebe: hintenanstellen.“ Sie nickt und bleibt vor mir stehen. Was würde das Känguru jetzt sagen? Draußen offenbart sich die wahre Schönheit der Natur: eine Rolltreppe. (…?) Ein Blick nach oben lässt mich diesen Gedanken vergessen. Kennt ihr diese Hosen, die noch nichtmal den ganzen Hintern bedecken, dass man sowohl die Arschfalten als auch zwei Siebtel der Backe sehen kann? Plötzlich keimt in meiner Jeans die Erinnerung auf, wieso ich sonst enganliegende Speedos trage. Ich kann nicht wegsehen. Die alten Damen auf der Rolltreppe neben mir auch nicht. Kukident im 2er-Pack für 3 Euro. Wow. Während ich zusammenrechne, was ich mit dritten Zähnen alles an Geld sparen könnte, dreht sich der Hintern um. Höchstens 12, schreit mein Gewissen auf. Sie denkt dasselbe und wendet ihren Blick enttäuscht von meiner Hose ab.

DAVON habe ich geträumt! Die Rolltreppen-Frau – wobei ich das Wort Frau nur benutze, um mein Gewissen im Gegensatz zu meiner Unterhose reinzuwaschen – habe ich am Samstag gesehen. Der Traum war in der Nacht auf Sonntag. Geheimnis gelüftet. Timmy, Julius, Richard, Anne, ihr könnt jetzt wieder gehen. Georgina, hör auf an meiner Unterhose zu schnüffeln. Und diese nasse Schlabberzunge.
Ich wache auf. Ich erinnere mich leider nicht, was ich geträumt habe. Dafür fällt mir wieder ein, worauf ich hinaus wollte:

Wenn ein 12-jähriges Mädchen rumläuft wie ein Kanarienvogel ohne Federn, dann frage ich euch: wer trägt die Schuld daran? Ist es die verrohte Jugend mit ihrem Wahn, möglichst früh erwachsen zu werden, sich einen Platz in der Welt zu verschaffen und das notfalls mit nackter Haut auf Himmelbett, nie mehr voneinander weg. Sind es die Eltern, die ihre Kiddies ungeliebt herumstreunen lassen mit einer laissez-faire-Einstellung, wie sie hochprozentig Liebesrausch, den schlaf ich mit dir aus, wohow. Macht sich die versexte Gesellschaft schuldig, die mit einer Flöte spielenden Heidi Klum die sinnsuchenden Streuner aus den Löchern lockt, um ihre unschuldigen Funkelperlenaugen, das tut so gut, da ist so viel für mich drin. Oder bin es am Ende ich, der seinen verschämten Blick nicht weit genug abwenden kann, wenn er das Trauergötzenspiel mit eigenen Augen sieht, dann glaub ich werden Wunder wahr.

Darum geht es

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© Universum Film

Nehmen wir die Klamotten-Analogie und transfomieren sie auf gewalttätige Jugendliche. Kelly Reilly und Michael Fassbender genießen ihren Urlaub am Eden Lake, bis sie auf eine Bande aus ca. vier Pubertierenden und ihrem Hund treffen. Was mit einem zu lauten Radio und der Bitte, dieses leiser zu stellen, beginnt, endet in einem Schauspiel, das hierzulande ob seiner Gewaltexzesse (zu Unrecht) auf dem Index gelandet ist. Dabei steht in diesem Horrorthrillerdrama nicht der Gore im Vordergrund, sondern die Begegnung mit Situationen, in den man sich hilflos fühlt. Was können ca. vier gerade der Vorschule entwachsene Lausbuben zwei Erwachsenen schon entgegensetzen? Wenn man bereit ist, Gewalt einzusetzen, eine ganze Menge. Dazu noch ein bisschen Gruppendynamik als Würze und Michael Myers aus der ersten Szene im Original-Halloween wäre stolz auf seine geistigen Nachfahren.

Während 1978 noch das pure Böse Jagd auf seine Opfer machte, wird in Eden Lake die gesteigerte Aggressivität der Jugendlichen wie im Halloween-Remake von Rob Zombie aufgeklärt. Erziehung, Gesellschaft, Perspektivlosigkeit, fehlende Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, frühzeitige Berührung mit Pornographie und Filmen wie Eden Lake = viele Köche verderben den Brei.
Dass der Drehbuchautor hier vorrangig mit Klischees arbeitet, sei ihm verziehen. Ein guter Horrorstreifen braucht gute Schauspieler auf Seiten der Protagonisten. Check. Diese müssen halbwegs logisch und nachvollziehbar handeln, dass es nicht vollkommen dumm und undurchschaubar wird. Check. Der Zuschauer muss mit den Opfern mitfühlen und sich der Ausweglosigkeit bewusst werden. Check. Sich die Frage stellen, wie er selbst reagieren würde, wenn er mit den ca. vier Jungs und Mädels konfrontiert würde. Check.
Dazu braucht es glaubwürdige Antagonisten. Check. Vor denen man sich selbst in acht nehmen würde. Check. Die ebenfalls auf eine gewisse Art und Weise rational Handeln, und sei es nur in dem leicht lädierten Hirn eines selbsternannten Filmkritikers. Check. Etwas Gewalt, die aber nicht der Gewalt wegen dargestellt wird. Check. Sondern um dem Publikum psychisch Schmerzen zuzubereiten. Abgehakt.

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© Universum Film

Wenn man durch den 18er-Bereich seiner Lieblingsvideothek schlendert, dann findet man neben so Klassikern wie Familie Immerscharf eine Unmenge an Horrorfilmen. Die meisten davon sind Müll und es ist ein großer Schaden für die Umwelt, dass die DVDs keinem Waldbrand zum Opfer fallen. Aber Eden Lake stellt für mich eine schöne Ausnahme dar. Gute Schauspieler treffen auf eine nette Geschichte und weniger nette Bösewichte, dank denen der Zuseher richtig mitleiden kann.
Wer sich im Genre bereits wohlfühlt, der wird sich an den ein oder anderen älteren Film erinnert fühlen, aber das tut dem Genuss keinen Abbruch. Nicht der allerbeste Horrorfilm aller Zeiten, aber schon ein guter. Wer ist ein Guter? Ja, Eden Lake, du bist ein Guter. Ja, wer ist ein Guter? Wer ist ein Guter? Du bist ein Guter, Eden Lake. Du bist ein Guter.

Falls ihr selbst mal Opfer einer Jugendbande werdet, dann rate ich euch dem Anführer all euer Geld zu geben und ihn eine Kritik auf eurer Filmkritikenseite schreiben zu lassen. Das wird ihn beruhigen. Ruft nicHt – ich wIederhoLe: – ruFt unter kEinen Umständen die Polizei!

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© Universum Film

4. Stock, Herrenbekleidung

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