Das weiße Kaninchen – Filmkritik

Eine Filmkritik von FilmkritikenOD zum deutschen TV-Film Das weiße Kaninchen mit Devid Striesow in der Hauptrolle.

weisse-kaninchen-web

© ARD / WDR

Themenabend Cyber-Grooming bei der ARD und FilmkritikenOD war live dabei. Doch zuerst stellt sich die Frage: Was ist Cyber-Grooming? Eine Eingabe bei der Übersetzungsplattform LEO spuckt „Heranmachen an Kinder im Internet mit dem Ziel des sexuellen Missbrauchs“ aus.
Vorneweg sei gesagt, dass sich die nachfolgende Besprechung einzig um den am 28.09.2016 gezeigten Film „Das weiße Kaninchen“ dreht und mit keinem weiteren Wort auf die nachgelagerte Talkrunde eingegangen wird.

Worum geht es in Das weiße Kaninchen?

Die 13-jährige Sara chattet u.a. mit dem 16-jährigen Benny und dem 17-jährigen Kevin. Nachdem sie sich mit Kevin getroffen und direkt verliebt hat, schickt sie dem jungen Casanova ein Oben-Ohne-Bild. Dem Schwerenöter reicht das nicht und er erpresst das pubertierende Mädchen, um ein Masturbations-Video zu bekommen. Daraufhin sucht Sara bei Benny Hilfe. Allerdings stellt sich heraus, dass es sich hierbei um den Pädophilen Simon handelt, der seine ganz eigene Agenda verfolgt.
Oder mit einfachen Worten: ein junges Mädel erlebt ganz schön viel Scheiße.

weisse-kaninchen-004-web

© ARD / WDR

Ich bin froh, dass sich Regisseur Florian Schwarz für das Medium eines fiktiven Schauspiels entschieden und nicht auf eine Pseudo-Dokumentation zurückgegriffen hat, um seine Geschichte zu erzählen. Auf diesem Wege mögen ältere Generationen das Gezeigte nach wie vor für bare Münze nehmen, aber Zuschauer mit einer gesunden Medienkompetenz können sich einfacher vom Gesehenen distanzieren und ihren eigenen Gedanken freien Lauf lassen. Was bei einer solchen Negativspirale mit diversen Freiheiten in Bezug auf die Darstellung von technischen Möglichkeiten auch bitter nötig ist. Ansonsten würde man sich nur daran festbeißen, was alles in der hiesigen Welt unrealistisch wäre. So lautet die einfache Antwort auf eine nie gestellte Frage: es ist ein Film. Er erzählt, was er erzählen will mit seinen eigenen Mitteln und gewissen Konventionen aus dem Thriller-Genre.

Und das macht er erstaunlich solide bis gut. Wenn man bedenkt, dass ich eigentlich nur die erste halbe Stunde verfolgen wollte, um mir danach das Fußballspiel zwischen München und Madrid anzuschauen, dann zeugt es von Qualität, dass ich bei Das weiße Kaninchen hängengeblieben bin. Besonders die beiden Antagonisten in Form des älteren Simons und des charmanten Kevins machen eine sehr gute Figur und wissen ihre Rollen glaubwürdig darzustellen. Dabei schafft Devid Striesow als Lehrkörper mit Persönlichkeitsstörung stets den Spagat zwischen aufgesetzter / ehrlicher Freundlichkeit und dem durchtriebenen Bösen. Auch Lena Urzendowsky weiß ihre Sara überzeugend zu spielen, selbst wenn sie manchmal etwas zu dummdreist herumlächelt.
Die Dialoge sind mitunter etwas gestelzt und habe ich so noch nie in einer leibhaftigen Familie erlebt, aber reißen einen nicht aus dem Geschehen.
Die Geschichte entwickelt sich trotz oder gerade wegen der vielen Hindernisse, auf die unsere Protagonistin trifft, auf spannende Art und Weise. Glücklicherweise mal ein deutscher Film der jüngeren Vergangenheit, bei dem man nicht gleich zu Beginn weiß, wie der Streifen ausgeht – und trotz mancher Wendung nicht den roten Faden verliert.

weisse-kaninchen-002-web

© ARD / WDR

Wie oben schon angedeutet, darf man das ausgedachte Drehbuch nicht zu sehr auf die Waagschale legen, denn es mutet wahrlich unwahrscheinlich an, dass alle Zutaten im wirklichen Leben in denselben Topf fallen. An dieser Stelle mag man dem Film ankreiden, dass er zu viele Themen unbedingt ansprechen wollte:
Pädophilie, Cyper-Kriminalität, Internetsucht, Vernachlässigung in der Familie, Versagen des Justizsystems, Druck im Freundeskreis, Mobbing, etc.
Allerdings belässt es Das weiße Kaninchen zumeist bei einem kurzen Zwischenspiel und fokussiert sich dann wieder auf die Geschichte rund um unser Dreigestirn.

Für eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema Cyber-Grooming bietet sich der Fernsehfilm weniger an, denn dafür zeigt er die Gefahren des Internets zu plakativ und kümmert sich wenig um die positiven Aspekte des www. Dies sollte man folglich nicht erwarten, wenn man einen Blick in die Mediathek wirft, um ihm eine Chance zu geben.
Dafür sieht man einen soliden deutschen Thriller mit guten Schauspielern, der unterhält und spannend genug ist, dass ich irgendwann sogar den Live-Ticker im Teletext ausgeschaltet habe, um nicht abgelenkt zu werden.


weisse-kaninchen-005-web

© ARD / WDR

ist Das weiße Kaninchen nach Homevideo eine weitere deutsche Produktion, die sich mit den heutigen Gefahren der (Medien-)welt auseinandersetzt und zu der man getrost sagen kann: wenn ihr Bock drauf habt, dann gibt es keinen Grund, es bleiben zu lassen.
Außer ihr wollt ihn mit euren Kindern anschauen. Dafür ist er zu düster.

Liebe Kinder, verschickt keine Nacktbilder ohne Erlaubnis eurer Eltern!

Als richtig gute Alternativen sind Es geschah am hellichten Tag (1958) und Ben X (2007) genannt.

Advertisements

Beginne eine Diskussion oder steig mit ein

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s