Die Entdeckung der Unendlichkeit – Filmkritik

Eine Filmkritik von FilmkritikenOD zum biographischen Drama Die Entdeckung der Unendlichkeit über das Leben von Jane und Stephen Hawking.

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© Universal Pictures

Ich liebe die Physik. Abends, wenn ich ins Bett gehe, träume ich von mathematischen Formeln. Morgens, wenn ich in meinen Rollstuhl gebracht werde, zermartere ich mir bereits wieder mein Hirn. Was hat die Welt zu dem gemacht, was sie heute ist? Wann entdecken wir die Weltformel, die alles erklärt? Wo finden wir anderes Leben im unendlichen Universum? Seitdem ich denken kann, umgeben mich diese Fragen und ich möchte sie nicht mehr missen. Außer natürlich, eine wird zufriedenstellend beantwortet. Gerne von mir, aber darum geht es in der Hauptsache nicht.

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© Universal Pictures

Ich liebe meinen Mann. Abends, wenn ich ihn ins Bett bringe, frage ich mich, ob er gerade an mich denkt. Morgens, wenn ich ihn in seinen Rollstuhl bringe, ertappe ich mich, wie ich in seinen Augen nach Liebe und Dankbarkeit suche. Was macht einen Menschen zu dem, was er ist? Habe ich meinen Seelenverwandten auf dieser Welt bereits gefunden? Wenn ja, warum spüre ich manchmal diese Leere? Neuerdings stelle ich mir diese Fragen, obwohl ich sie geflissentlich zu unterdrücken versuche. Ich kann meinen Mann mich nicht missen lassen. Eher gehe ich selbst zugrunde.

Es schlagen zwei Herzen in meiner Brust:
Eines für die Logik, eines für die Lust.
Fragte mich einst ein Physiker:
„Ist das nicht dasselbe, guter Herr?“

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© Universal Pictures

Eine Sterbebegleiterin wurde gefragt, was die Menschen in ihrem Sterbebett am meisten bereuen, wenn sie auf ihr Leben zurückblicken. Niemand sagte etwas von wegen mehr Arbeit oder mehr Geld. Die häufigste Antwort war, dass sie es bereuen, zu wenig Zeit mit ihrer Familie verbracht zu haben. Dabei war es gleichgültig, ob sie alleine den letzten Weg gehen mussten, oder ob ihr Bett jeden Tag mit Verwandten, Freunden und anderen Weggefährten umgeben war. Sie alle bereuten die fehlinvestierte Zeit.
Und obwohl die Sterbebegleiterin von unzähligen Menschen mit unzähligeren Geschichten jedes Mal gehört hatte, dass sie gerne weniger gearbeitet hätten, um ihre Kinder aufwachsen zu sehen; dass sie am liebsten alle Affären rückwirkend in den Wind geschossen hätten, um ihren liebenden Partner zurückzugewinnen oder ein Mal mehr zu umarmen; ja, obwohl sie all diesen Geschichten Tag für Tag lauschte, wisst ihr, was die Sterbebegleiterin sagte, als sie selbst in ihren letzten Atemzügen lag?
Sie bereute es, dass sie sich jeden Tag um so viele Menschen gekümmert, aber ihr dadurch die Zeit für ihre eigene Familie gefehlt habe.

Darum geht es

Die Entdeckung der Unendlichkeit ist eine Leinwandadaption der autobiographischen Geschichte von Stephen Hawkings erster Frau, Jane Hawking. Dementsprechend zeigt das Schauspiel weniger die beruflichen Errungenschaften des mittlerweile populären Astrophysikers, sondern konzentriert sich auf die Liebe zwischen der Sprachwissenschaftlerin und dem Naturwissenschaftler, die immerhin gute 25 Ehejahre hielt. Das Drama zeigt die stetige Abwärtsspirale von Hawkings ALS-Erkrankung, die ihn an den Rollstuhl fesselte und ihm später seiner Stimme beraubte, sowie den Umgang seiner Frau mit dieser für beide schwierigen Situation.

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© Universal Pictures

Es gibt Streifen, bei denen merkt man direkt zu Beginn, dass man eine gute Zeit haben wird. Die Entdeckung der Unendlichkeit, bzw. The Theory of Everything im Original, ist ein solcher Film. Jeder kennt den berühmten Wissenschaftler, wie er im Rollstuhl sitzt und seinen Sprachcomputer für sich sprechen lässt. Eine goldene Entscheidung, dass man ihn am Anfang auf einem Fahrrad fahren sieht. Die Diskrepanz zwischen dem, was man beobachtet und dem, was man über die Zukunft weiß, sorgt für die erste Gefühlsregung und dank der hervorragenden Schauspieler ebbt diese weder im Kennenlernprozess noch in den späteren Ehejahren ab.
Felicity Jones als Jane Hawking und allen voran Eddie Redmayne als Stephen Hawking geben eine Vorstellung par excellence ab, was mich dazu nötigt, die Schauspielerleistung explizit hervorzuheben.

Das Drehbuch pickt sich die richtigen Stellen heraus, um die Geschichte flott genug zu erzählen, aber auch auf die kleinen Momente nicht zu verzichten. Allerdings merkt man ab und an, dass der Plot auf der Erzählung Jane Hawkings basiert. Mir fehlten da die menschlichen Ausbrüche, die man in einer solchen Situation auf so lange Zeit kaum unterdrücken kann. Erst gegen Ende hin wird diesem Punkt mehr Raum geschaffen, windet sich aber schnell in eine schmalzige letzte halbe Stunde.


macht die Entdeckung der Unendlichkeit in all seiner Traurigkeit großen Spaß und man erfreut sich immer wieder an der lebensbejahenden Erzählweise. An einer Stelle zwar mit zu viel Brimborium, aber generell ruhig und genau beobachtend. Alles in allem kann ich diesen Film nur empfehlen und er wird beim nächsten Update in unsere On-Demand-Empfehlungsliste aufgenommen. Und eines weiß ich genau: das werde ich nicht bereuen.

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© Universal Pictures

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Herr W. würden Sie irgendetwas in ihrem Leben anders machen, wenn Sie die Chance dazu hätten?

Oh Thorsten, da gibt es einiges. Zum Beispiel würde ich gerne rückgängig machen, dass ich mir vor einer Stunde diese blaue Pille eingeschmissen habe, nachdem ich jetzt erfahre, dass Sabine mit dir ihre Schicht getauscht hat.
Und dann wäre da noch die Filmkritik zu diesem Stephen Hawking Film. Da hätte ich gerne einen Vergleich zum Text von Philipp Poisels Wie soll ein Mensch das ertragen vorangestellt. Klar ist es nicht einfach, in einen guten Freund verliebt zu sein. Aber bald verknallt man sich in die nächste Person und gut ist. Aber sei mal an den Rollstuhl gefesselt oder sei mit jemandem verheiratet, der an den Rollstuhl gebunden ist.

Aber dann würde Ihre Liebe wenigstens erwidert werden…

Wie auch immer. Es tut mir Leid für uns beide, aber jetzt ist Waschzeit und du solltest dich beeilen, bevor die Pille anfängt zu wirken.

Rollstuhlrennen!

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