Swiss Army Man

Eine Filmkritik von FilmkritikenOD zur grotesken Tragikomödie Swiss Army Man mit Paul Dano und Daniel Radcliffe in den Hauptrollen.

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© Capelight Pictures

Wer kennt nicht den folgenden Satz: „Man bereut im Leben nicht die Dinge, die man getan, sondern jene, die man unterlassen hat.“ Wenn ihr bereits einem Menschen das Leben genommen habt, dann könnt ihr dem höchstwahrscheinlich nicht zustimmen. Sei es, weil ihr diese Zeilen auf einem festgeschraubten Gefängnis-PC lest, oder ihr euch jede Woche bei einem ausgebildeten Psychiater eure Kriegs-Traumata von der Seele redet.
Allerdings hört man dieses Sprichwort zumeist in dem Fall, dass man es verpasst hat, seinen Schwarm anzusprechen. Und hier bin ich geneigt und gewillt, dem zuzustimmen. Außer der Angequatschte stellt sich im Laufe der Beziehung als freilaufender Psychopath heraus, der einem das eigene Leben zur Hölle auf Erden macht. Dann wäre es im Nachhinein vielleicht besser gewesen, die Finger von einer zunächst harmlosen Flirterei zu lassen. Je nachdem, wie schwerwiegend die Ausfälle werden, könnte es am Ende sogar so weit kommen, dass man einem Menschen das Leben nimmt und dies anschließend nicht bedauert.
Ihr seht, dass ihr keine Eindeutigkeit seht. Und wenn ich jetzt noch einen Furzwitz einstreuen würde, dann hätten wir eine ähnlich groteske Erfahrung wie bisweilen bei Swiss Army Man.
Wobei das genauso weit am Ziel vorbeigeschossen wäre, wie die simple Aussage, dass der Film einem Cast Away mit einer Leiche statt einem Volleyball gleiche. Oder?

Darum geht es oberflächlich

Ein auf einer Insel Gestrandeter findet im Moment größter Hilflosigkeit eine Leiche, die er dank Flatulenz-Antrieb als Motorboot nutzen kann. Doch nicht nur das, im Laufe des Abenteuers funktioniert er den leblosen Körper zu einem Gewehr, einem Wasserspender und weiteren hilfreichen Gimmicks um, die ihm das Leben in der Einsamkeit erleichtern. Er bringt dem Zombieähnlichen sogar das Sprechen bei und während sie gemeinsam über das Leben und die Liebe philosophieren, wachsen sie freundschaftlich zusammen und werden zusammen erwachsen. Bis eine unangenehme Wahrheit ans Licht gelangt.

Blicken wir gemeinsam hinter die Fassade

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© Capelight Pictures

Neulich habe ich einen Arbeitskollegen gefragt, wie lange er mit seiner Freundin schlafen würde, wenn diese ab sofort körperlich rückwärts altern würde. Pflichtbewusst hat er „bis zum Körper einer 18-jährigen“ geantwortet. Während es hier auf den ersten Blick darum geht, aus jemandem eine Art Pädophilen-Geständnis zu kitzeln, findet man bei einer genauen Betrachtung viele Themen in dieser einen Frage versteckt. Wie weit geht Liebe? Was macht antrainierte Moral aus uns? Ist sie gar angeboren? Kann ein einziger Mensch unsere Vorstellungen vom Leben verändern?
Wenn ihr jetzt müde lächelnd mit dem Kopf schüttelt, dann ist Swiss Army Man eher nichts für euch, denn hier werden einem ebenfalls viele Bröckelchen vor die Nase gekotzt, aber schlucken und verdauen muss man sie selbst. Eine Aussage, die mir beispielsweise in Erinnerung geblieben ist:
„Wenn man in der richtigen Welt nicht frei furzen kann, warum wollen wir dann dorthin zurück?“
Im ersten Moment eine amüsante Aussage über ein körpereigenes Trompetenkonzert. Hihi. Lässt man sich hingegen auf den Gedanken ein, dann steht beispielsweise die Hypothese im Raum, dass man in der vermeintlich freien, zivilisierten Welt gar nicht so frei ist. Oder die Fragen, wie weit man sich zum Zwecke der Anpassung zurücknehmen muss; was man für eine funktionierende Gesellschaft im Leben alles aufgibt.

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© Capelight Pictures

Swiss Army Man ist gespickt mit solch moralischen Fragen, die sich hinter Zweideutigkeiten und pubertären Witzen verstecken. Also genau die zwei Elemente, die das Erwachsenwerden ausmachen. Im Grunde handelt es sich bei der Geschichte rund um Paul Dano und Daniel Radcliffe – die beide ihre Rollen ohne Anflug von Ironie ausgezeichnet auf die Leinwand bringen – um ein Coming-of-Age-Drama. An dieser Stelle könnte man ihn statt mit Tom Hanks und einem Volleyball mit Rob Reiners Stand by me vergleichen. Auch dort wird eine Leiche gefunden. Auch dort unterhält man sich kindisch bis jugendlich über das Aufwachsen. Auch dort finden wir Humor durch ekelige Szenen. Aber – und das ist wohl der größte Unterschied – dort handelt es sich bei den Protagonisten tatsächlich um Teenager.
Während man die Entscheidung für Schauspieler um die 30 mit der Sinnsuche junggebliebener Erwachsener argumentieren kann, führt dies trotzdem zu einer Divergenz zwischen Erzähltem und gewähltem Erzählstil. Für eine Groteske angebracht, aber sicherlich einer der Gründe, warum so viele mit dem Streifen nichts anfangen können werden. [Eine Erklärung des Begriffs Groteske findet ihr in unserer Filmkritik zu The Lobster]

Susi, fass das bitte zusammen

Swiss Army Man besteht zu einem Teil aus Fragen über das Leben und die Liebe. Zum anderen Teil aus Furz- und Blödelwitzen. Wer mit Erstgenanntem nichts anfangen kann, dem reicht ein Zusammschnitt der aberwitzigsten Szenen auf Youtube. Wer mit Letztgenanntem nichts anfangen kann, der wird häufig aus dem Film gerissen und hat eine durchwachsene Erfahrung. Nur wer beides in sich vereinen kann, für den ist Swiss Army Man tatsächlich gedacht.


gehöre ich leider nicht dazu, denn mir war das Gefurze, Geschurze und Geständere am Ende des Tages zu viel und zu redundant. Wer weiß, vielleicht hat mich die Gesellschaft versaut, oder vielleicht bin ich von alleine rausgewachsen. Was es auch sei, muss ich Swiss Army Man trotzdem attestieren, dass man sich im Anschluss weitreichende Gedanken über das Gesehene machen kann und er einige zu beklatschende Ideen bietet, die passend in Szene gesetzt werden. Zusätzlich fand ich den Sountrack eine Bereicherung und da es sich bei dem Film um eine neue Idee und keine Fortsetzung, Comicverfilmung, etc. handelt, bin ich trotz einiger langweiligerer Passagen gewillt, eine Empfehlung für diejenigen auszusprechen, die den Trailer unterhaltsam finden. Solche Projekte gehören unterstützt, damit die Kreativität nicht ausstirbt. Zudem ist das Ende in all seiner Mehrdeutigkeit stimmig und gelungen.

Erektion, weise mir den Weg

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