The Gift (2015)

Eine Filmkritik von FilmkritikenOD zum Thriller-Drama The Gift mit Jason Bateman und von und mit Joel Edgerton.

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© Universal Pictures

Im Jahre 1962 trafen sich die beiden Regisseure François Truffaut und Alfred Hitchcock, um über ihren gemeinsamen Beruf zu diskutieren. 1966 brachte Erstgenannter das Gespräch in Buchform unter dem Titel Le Cinéma selon Alfred Hitchcock heraus (in Deutschland unter dem Titel Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? veröffentlicht).
Das Kapitel, auf das wir uns heute stürzen wollen, erklärt den Begriff der Suspense aus Sicht von Hitchcock anhand eines Beispieles. Zuerst stellt Hitchcock eine Szene ohne Suspense vor: Ein Gespräch findet an einem Tisch statt. Alles ganz gewöhnlich. Plötzlich explodiert eine Bombe unter dem Tisch. Die Überraschung für den Zuschauer ist groß.
Jetzt folgt die Szene inklusive Suspense: Der Zuschauer weiß von Anfang an, dass sich eine Bombe unter dem Tisch befindet. Der Timer ist auf 13 Uhr gestellt. Wir sehen eine Uhr an der Wand: 12:55 Uhr. Das belanglose Gespräch bleibt belanglos, erfährt aber eine zusätzliche Dimension.
Hitchcock schlussfolgert, dass im ersten Fall für den Zuschauer höchstens 15 Sekunden Unterhaltung durch die Explosion bleiben würden. Im zweiten Fall seien es fünf Minuten voller Suspense. Man kann das gut mit dem Gegensatz Horror – Terror aus unserer Filmkritik zu Them vergleichen. Hitchcock endet mit den Worten, dass das Publikum demzufolge so früh wie möglich informiert werden müsse.
Und ich gebe ihm recht – nicht, dass ihn das selbst zu Lebzeiten interessiert hätte. Allerdings würde ich in diesem Beispiel dem Zuseher nicht verraten, wann genau die Bombe explodiert. Wer schonmal Kroko Doc gespielt hat, weiß, dass auf diese Weise die Spannung nochmal höher geschraubt werden kann. Aber – und jetzt kommt der Verweis auf unseren heutigen Film – die Bombe muss irgendwann explodieren, um die Spannung zu lösen und den Kinogänger nicht zu verärgern, damit er dem Film weiterhin vertraut. The Gift aus dem Jahre 2015, der vor Kurzem hierzulande auf DVD erschienen ist, wählt einen etwas anderen Weg. Einen interessanten, aber wagemutigen Weg. Geht die Rechnung auf?

Der Plot

Ein verheiratetes Pärchen zieht in einer neuen Stadt in ein neues Haus. Durch Zufall laufen sie einem ehemaligen Schulkameraden des Ehemannes über den Weg. Kurze Zeit später haben sie ein Geschenk des Schulfreundes auf der Fußmatte liegen. Danach folgen mehre unangekündigte Besuche des Schuldfreundes, obwohl er genau weiß, dass der Ehemann bei der Arbeit ist. Nach einem unangenehmen Abendessen und weiteren Besuchen wird das Pärchen ihrerseits von ihm zum Essen eingeladen. Die erste Wahrheit kommt ans Licht und soll nicht die einzige bleiben.

Zahlen, bitte.

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© Universal Pictures

Da wir oben den Begriff der Suspense bereits erklärt haben, kann ich ihn ab sofort ohne Scham verwenden. The Gift schafft es zu Beginn, mit Bravour Suspense aufzubauen. Der Schuldfreund wird herrlich undurchschaubar und auf gewisse Art und Weise beängstigend von Regisseur Joel Edgerton dargestellt. Stets erwartet man einen böswilligen Ausbruch. Man fragt sich dauernd, was er wohl plant und wann er zuschlagen wird. So muss ein Thriller aussehen.
[Wer bis zu diesem Punkt genug Lust bekommen hat, der kann diese durch das Anschauen befriedigen. Alle anderen werden nun etwas tiefer in die Materie hineingezogen.]
Doch dann macht er für mich einen Fehler, den ich oben bereits angeteasert habe: die Spannung wird nicht gelöst. Stattdessen nimmt The Gift eine Wendung, die ihn kurzfristig zu einem Ehedrama werden lässt und sich auf Themen wie Karma, Vertrauen und Rache stürzt. Ein Kniff, mit dem ich nicht gerechnet habe – und grundsätzlich ist es was Gutes, wenn ein Film einen überrascht. Aber ich wurde durch die Nichtauflösung der Suspense verprellt. Die Bombe explodiert nicht um 13 Uhr. Sie geht an einem anderen Tisch an einem anderen Tag hoch, wenn man bereits nicht mehr damit rechnet. Nicht nur, dass man um 13 Uhr enttäuscht wird, weil keine Explosion folgt, am Ende muss doch wieder ein Überraschungsmoment herhalten. Ein guter zwar, aber für mich persönlich mit der falschen Methode ins Spiel gebracht.


muss ich trotz guter Schauspieler, eines guten Spannungsaufbaus und einem folgerichtigen Ende konstatieren, dass mir die zweite Hälfte rund um Karma und Rache den Filmgenuss angesäuert hat. Wenn man hingegen weiß, dass dies nicht der typische Stalker-Thriller von nebenan ist, bzw. kein Problem damit hat, wenn man nicht das bekommt, was man bestellt hat, dann kann man hier durchaus frische Milch genießen. Und die wird einem dankenswerterweise direkt vor die Haustüre gestellt.

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© Universal Pictures

Ich hatte mit den heutigen Alternativen um einiges mehr Spaß, aber The Gift macht genug richtig, dass man sich auf ihn einlassen kann, um selbst zu urteilen.
Wer einen perfiden Nachbarschafts-Thriller sehen möchte, der schaue sich Arlington Road an.
Wer eine Geschichte rund um Karma und Rache erfahren möchte, der werfe Oldboy (2003) in den DVD-Spieler.

Oh, ein Geschenk

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