Fifty Shades of Grey

Eine Filmkritik von FilmkritikenOD zur Romanverfilmung Fifty Shades of Grey mit Dakota Johnson und Jamie Dornan.

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In Beziehungen gibt es zwei vorherrschende Strömungen

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© Universal Pictures

1. Wenn ich einen Partner gefunden habe, bei dem es passt – was auch immer das individuell heißen mag – dann bin ich bereit, mich in gewissen Punkten für ihn zurückzunehmen. Beispielsweise wenn ich darauf stehe, dass ich in Windeln gekleidet an der Brust meiner Partnerin nuckele, aber sie das auf den Tod nicht ausstehen kann, dann unterdrücke ich diesen Drang in mir und genieße, was ich sonst an ihr habe.
2. Ein Partner passt erst dann zu mir, wenn ich mich selbst voll und ganz ausleben kann und meine Triebe nicht hintenanstellen muss. Um unser Windelsex-Beispiel aufzugreifen, bedeutet dies, dass wir einen Partner schweren Herzens verlassen, der keinesfalls unsere Neigungen befriedigen kann / will. Dieses Prozedere wiederholt sich, bis wir entweder eine uns liebende Person gefunden haben, die a) den gleichen Fetisch teilt, b) sich damit arrangieren kann, oder c) bereit ist, eine offene Beziehung einzugehen, in der es aushäusig nur um das Stillen unseres besonderen Verlangens geht.

Natürlich lässt sich die Thematik auch aus der gegenüberliegenden Sicht beurteilen. Wenn ich einen Partner habe, der mir nach einer gewissen Zeit offenbart, dass er von mir hin und wieder wie ein Pferd behandelt werden möchte, dann kann das zu tiefen Beziehungs- und auch Identitätskrisen führen. Weil ich meine bessere Hälfte liebe, probiere ich das Spielchen aus. Aber was, wenn ich erkenne, dass ich das unter keinen Umständen nochmal machen möchte?
a) Ich könnte ihn verlassen, weil ich weiß, dass auch das zu seinem Charakter gehört und ich ihn nicht verändern möchte. b) Ich könnte ihm erlauben, seinen Neigungen im geschützten Rahmen mit Gleichgesinnten nachzugehen. c) Oder ich sage klipp und klar nein, in der Hoffnung, dass er diesen Wesenszug meinetwillen aufgibt.

Versetzt euch an dieser Stelle bitte in beide Positionen. Ihr könnt euch hierzu alles Mögliche vorstellen. Sei es Analsex, Fesselspielchen, Schläge ins Gesicht, oder dass ihr jedes Wochenende zum Fußball wollt. Bei eurem Partner überlegt ihr euch, wo eure Grenzen liegen und wie ihr damit umgehen würdet, wenn das von euch erbeten würde. Sobald ihr wisst, bzw. euch vorstellen könnt, wie ihr reagieren würdet, lest bitte weiter und könnt hoffentlich nachvollziehen, warum ich die Geschichte von Fifty Shades of Grey gerne aus den Köpfen aller Menschen verbannen würde.

Darum geht es

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© Universal Pictures

Die von Dakota Johnson gespielte Anastasia Steele, genannt Ana, führt ein Interview mit dem superreichen Unternehmer Christian Grey (Jamie Dornan) und es entwickelt sich eine knisternde Stimmung zwischen den beiden. Nach vielen Geschenken und wenigen Treffen lernt Ana das Geheimnis des Milliardärs kennen: er steht auf BDSM-Sex in der dominanten Rolle und sucht in ihr eine untergebene Gespielin für seine Gelüste (BDSM setzt sich zusammen aus den Begriffen Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadismus & Masochismus; weitere Erläuterungen bitte ich euch eigenmächtig einzuholen). Nachdem die zwei einen Vertrag abgeschlossen haben, was alles erlaubt ist und was nicht, kommt es zur ersten schicksalshaften Nacht zwischen den beiden.

Große Kritikpunkte

Ein hartes Wort dieses verbannen, aber ich habe meine Gründe. Allen voran sind es zwei.
Zum einen wird das dominante Verhalten des Mr. Grey und seine Neigung zu einschlägigen Praktiken damit erklärt, dass er als 15-jähriger von einer älteren Frau als unterwürfiger Sexsklave missbraucht wurde. Diese Episode aus seiner Vergangenheit wird dazu genutzt, um sein Verhalten als abseits der Norm und bisweilen psychisch krankhaft darzustellen. Die erotischen Momente werden zwar als solche von der Kamera eingefangen, aber über allem steht die dunkle Wolke des jugendlichen Missbrauchs, der ihn hat so werden lassen.
Jedenfalls tut der Film der BDSM-Szene keinen Gefallen, wenn die Zugehörigkeit durch früheren Missbrauch erklärt wird und eine vermeintliche Heilung durch Liebe (!?) möglich ist (Wir erinnern uns zurück an die Zeit vor dem 17.5.1990 als Homosexualität noch eine Krankheit war).
Es gibt krankhafte Auswüchse, wenn es um die Befriedigung der eigenen Lust geht, aber das einvernehmliche Zusammenspiel zweier geistig erwachsener Menschen ohne psychische Vorschäden sollte nicht dazugezählt werden. Doch genau durch den Plotpunkt rund um Christian und seine pubertäre Episode bekommt die Erzählung eine Wendung, die ihr nicht guttut.

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© Universal Pictures

Aber das ist nicht einmal mein Hauptkritikpunkt an Fifty Shades of Grey. Der Film zeigt durch und durch keine gesunde Liebe. Zu keiner Zeit. Zuerst stalkt Mr. Grey seine Angebetete und dann macht er durch teure Geschenke auf sich aufmerksam. Immer wieder steht er vor ihrer Türe oder ist plötzlich in ihrer Nähe und macht auch vor ihrer Privatssphäre keinen Halt.
Ana hingegen ist ihm nicht nur sexuell unterwürfig und obwohl sie ab und zu einen lustigen Spruch auf Lager hat, geht sie an der kranken Beziehung zwischen den beiden kaputt. Sie lässt sich auf viel zu viel ein, bei dem die bis dato Jungfrau (!?) seelisch zugrunde geht. Also alles andere als ein Vorbild für jede Frau in diesem Jahrtausend. Und ich spoiler mal so viel: das ganze wird in den beiden Roman-Fortsetzungen nur noch krankhafter und persönlichkeitsstörender.
Ich kann an dieser Stelle nicht verstehen, wieso aufgeklärte Frauen im besten Alter diesen Schund genießen. Wenn sie sich sexuell befreien wollen, dann ist 50 Shades of Grey das völlig falsche Werkzeug. Aber wer braucht schon Selbstwertgefühl und partnerschaftliche Kommunikation… Liebe Frauen aller Länder: lernt euch selbst kennen, steht zu eurer Sexualität und tut eurem Partner kund, was ihr wirklich wollt.
Der Film passt zu denjenigen, die sich bei der obigen Umfrage für die Variante Gefühle bei sich selbst / beim Partner unterdrücken entschieden haben. Oder mit anderen Worten: für mich der Zonk in jeder Beziehung. Wobei ich als Kind lieber den Zonk als den eigentlichen Hauptgewinn bei Geh aufs Ganze! haben wollte. Der sah aber auch so süß und flauschig aus.

Kleine Kritikpunkte

gibt es dafür, dass dem Satz „ich Ficke und zwar hart“, erstmal eine Blümchensex-Szene mit romantischem Einschlag folgt. Bis auf einen Reitgerten-Hieb zwischen Anas Beine gibt es zudem gar keine wirklich ausgefallenen Spielchen zu sehen – und die Szene findet man überdies nur in der Unrated-Fassung. Allerdings unterscheiden sich hier Geschmäcker und Gemüter, weswegen ich das nicht für jeden pauschalisieren möchte.
Ebenfalls negativ empfand ich die Chemie zwischen unseren Hauptdarstellern, was vor allen Dingen an der männlichen Hauptrolle lag, dem ich seinen Mr. Grey nie so ganz abgekauft habe. Dakota Johnson konnte sich nach anfänglicher Scheu hingegen in ihre Rolle hineinspielen.
Letztes Manko war für mich das plötzliche Ende. Das kam so sehr aus dem Nichts, dass ich mich zwei Mal vergewissern musste, dass ich nicht zufällig auf die Kapitel-überspringen-Taste meiner Fernbedienung gedrückt habe. Wenn es wenigstens eine geeignete Szene mit schönem Cliffhanger gewesen wäre, okay. Aber der Schluss ist hier so zusammenhangslos gewählt, dass ich die Jury der Goldenen Himbeere 2016 sehr gut wegen ihrer Wahl des Drehbuch-Preises verstehen kann.

Nachtrag vom 25.10.2016 um 19:06 Uhr. Ich beziehe mich hier auf das Ende der Unrated-Fassung, das 90 Sekunden nach dem eigentlichen Ende der Kinofassung einsetzt (Quelle: Schnittberichte.com). Und was soll ich sagen, die finale Sequenz wurde in der Kinofassung gut gewählt und der letzte Schnitt folgte im richtigen Moment. Mir fehlen etwas die Worte, wieso das in der Unrated-Version geändert wurde. Im Bezug auf die Kinoversion ziehe ich den letzten Kritikpunkt zurück.

Positives

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© Universal Pictures

Wäre das eine Erörterung, dann würde am Rand stehen, dass ich meine Argumente in der falschen Reihenfolge präsentiert habe.
Der Soundtrack hat mir gefallen.
Der Anfang rund um das Mysterium Mr. Grey war gut gewählt und hätte für meinen Geschmack sogar ausgebaut werden können. Aber da haben sich die Macher wohl nicht getraut, sein Gesicht noch länger zu verstecken.
Die Spannung bis zur ersten Fesselszene war durchaus gegeben. Das lag aber mehr am Hörensagen rund um die Bücher und letztlich wurde die Erwartungshaltung enttäuschend gelöst. Da vögeln heute wahrscheinlich 13-jährige härter als Mr. Grey. Gut, das liegt vermutlich an ihren Pornovorbildern und der verklärten Aufklärung durch die Eltern, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.
Das gilt übrigens auch für den zweiten Teil, der am 9. Februar 2017 hierzulande in die Kinos kommen soll.


ist Fifty Shades of Grey so ungefähr das, was ich erwartet habe:
Hausfrauenfesselspielromantik, bei der es darum geht, nie die Hoffnung zu verlieren, dem männlichen Partner die Flausen austreiben und ihn durch Liebe zu einem besseren Menschen machen zu können . Was hab ich Kotz und Abwasser geheult. Die Umsetzung ist bis auf die angesprochenen Ausnahmen leidlich okay mit guten Kameraeinstellungen gefilmt, die Grundgeschichte hingegen war schlichtweg nicht zu retten. Das versucht das Drehbuch aber auch gar nicht erst.

Die heutige Alternative ist die thematisch ähnlich gelagerte Tragikomödie Secretary, die sowohl von der filmischen Umsetzung als auch der inhaltlichen Stimmigkeit mit
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Ciao ciao, Baby

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2 Gedanken zu “Fifty Shades of Grey

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