The Accountant

Eine Filmkritik von FilmkritikenOD zum Actionkrimi The Accountant mit Ben Affleck, Anna Kendrick und J.K. Simmons.

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© Warner Bros.

Seit vielen Jahren stellt er sich vor, wie es werden würde. Im ersten Jahr hat er leider keine Zeit. Im zweiten Jahr hat er den Termin vergessen. Im dritten Jahr geht es ihm nicht so gut. Im vierten Jahr kommt ihm in letzter Sekunde etwas dazwischen. Im fünften Jahr ist es dann endlich soweit. Bereits nach dem Aufstehen verspürt er eine gewisse Anspannung. Heute wird er endlich seinen langgehegten Traum in Erfüllung gehen lassen. Die Stunden vergehen und er blickt regelmäßig auf die Uhr. Seine Hände schwitzen leicht. Noch eine halbe Stunde. Er verlässt die Wohnung mit Gänsehaut auf den Armen. Im Bus zeigt er seine Fahrkarte vor und setzt sich schnell auf einen freien Platz. Aus dem Fenster schauend malt er sich die Zukunft aus. Figaro, Figaro singt er in die Welt hinaus. Der Bus hält an und er steigt aus. Nur noch wenige Meter. Er steht vor dem Gebäude, das sein Leben verändern wird. Die Tür ist auf. Mehrere Menschen sitzen bereits auf Stühlen und unterhalten sich. Trockener Mund. Blick nach unten. So geht er an der Tür vorbei und tut so, als suche er die Toilette. Innerlich schreit er auf. Leisen Schrittes kehrt er zur Tür zurück. Mehrere Menschen sitzen nach wie vor auf Stühlen und unterhalten sich. Durchatmen. Du kannst das. Doch er hat mal wieder keine Ahnung, was er sagen soll. Wie er ein Gespräch beginnen soll. Gebe ich ihnen die Hand, oder erwarten sie gar eine Umarmung? Er mag keine Umarmungen. Wenn er sich darauf konzentriert, ihnen in die Augen zu blicken, kann er sich seine Worte nicht überlegen. Eine Frau schaut von ihrem Platz auf die Türe. Er fühlt sich ertappt und macht einen Schritt zur Seite. Was sie wohl gedacht haben mag? In ihr Gesicht zu sehen, ist wie Blindenschrift zu lesen. Wobei er das wahrscheinlich schneller lernen könnte. Leise singt er Figaro, Figaro vor sich hin. Das beruhigt ihn. Während er sich selbst verflucht, ist er wieder an der Bushaltestelle angekommen. Dreh dich um, schreit er sich innerlich an. Das ist deine letzte Chance. Du bist extra hergefahren und wirst dir dein Leben lang vorhalten, dass du diese Gelegenheit nicht ergriffen hast. Du wirst dich ewig fragen, wie es dir ergangen wäre. Im Bus zeigt er seine Fahrkarte vor und setzt sich schnell auf einen freien Platz. Aus dem Fenster schauend malt er sich die Zukunft aus.

Autismus

Autismus gibt es in solch vielfältigen Formen und Farben, dass wahrscheinlich die meisten Menschen das ein oder andere Kriterium bei sich entdecken können. Aber wenn so viel zusammenkommt, dass man auch krankheitsbedingt von einer Autismusspektrum-Störung spricht, ist das für Umwelt und Autisten gleichermaßen anstrengend zu begreifen und damit umzugehen. Schwierigkeiten in der Kommunikation und Probleme mit sozialer Interaktion werden von auffälligen Verhaltensmustern und Manierismen begleitet, die der Patient nur unter größten Anstrengungen verstecken kann. Die meist wenigen Freunde und Bekannten müssen sich damit arrangieren, dass der Autist nicht berührt werden will, dass er beinahe ausrastet, wenn jemand seine Lieblings-DVD an einen anderen Platz stellt, dass er die Wohnung erst verlassen kann, wenn alle Kacheln im Bad gezählt sind – und das kann lange dauern. Oder es zeigen sich ganz andere Muster seiner Entwicklungsstörung, denn kein Autist gleicht dem anderen. So wie keine Überleitung auf FilmkritikenOD der anderen gleicht:

Darum geht es

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© Warner Bros.

Ben Affleck spielt den Titelgebenden Buchmacher, der seit seiner Kindheit an Autismus leidet, aber auch mit einer Inselbegabung im Bereich Mathematik gesegnet ist. Er kann Gefühle von Menschen nicht sofort erkennen, ist nicht in der Lage, Gespräche aufrecht zu erhalten, und singt immer wieder ein Gedicht vor sich hin. In jungen Jahren wird er von seinem Militär-Vater gedrillt und im Erwachsenenalter nutzt er das Gelernte, um Verbrechern der übelsten Sorte als Accountant zu dienen und seine eigenen Vorteile daraus zu ziehen. Doch sein neuester Job stellt ihn auf seine bislang schwerste Probe: er lernt eine Frau kennen (die zuckersüße Anna Kendrick). Und die Steuerfahndung macht Jagd auf ihn. Achja, und es werden Auftragsmörder auf ihn angesetzt.

Lohnt oder lohnt nicht?

Lohnt.

Gibt es noch mehr zu sagen?

Ja.

Und was?

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© Warner Bros.

The Accountant beginnt mit zwei guten Ideen, benötigt dann aber eine Weile, um drei Geschichten zu einer zu verweben. Glücklicherweise ist der (unfreiwillig) trockene Humor des Buchmachers ein Segen in dieser Zeit. Zusätzlich wird der Zuschauer im Dunkeln gelassen und darf sich selbst ein Bild über den großen Überbau der Geschichte machen, was eine gewisse Portion an Spannung und Mysterium aufbaut. Wenn die Geschichte dann langsam in Fahrt kommt, wird sie mit einer gehörigen Portion Action angereichert, die es in meinen Augen gar nicht gebraucht hätte. (Zusammen mit den Rückblenden auf Afflecks Kindheit könnte man sogar auf die Idee kommen, hier handele es sich um eine Comic-Verfilmung.) Es sind eher die ruhigen Momente und die Geschichte an sich, die mir am Ende eine Empfehlung aus den Fingern locken.
Ich halte Ben Affleck für keinen wirklich guten Schauspieler, aber der autistische Accountant passt zu seinem stoischen Spiel wie die Kreisform in das quadratische Loch. Der Gegenspieler Jon Bernthal ähnelt da schon eher der Würfelform, die in das runde Loch gepresst werden soll, aber kommt nicht häufig genug vor, dass der Bauklotzturm ins Wanken gerät.

Die Krimigeschichte und deren Auflösung empfinde ich als gelungen, auch wenn es kleinere Logikfragen gibt, über die man sich besser keine Gedanken im Nachhinein macht. Bei einem größeren Plotpunkt braucht man hingegen zwei Augenklappen, um mit dem Drehbuch d’accord zu gehen. Daneben empfinde ich zumindest eines der drei Enden als zu viel des Guten. So überraschend der Schlussakkord für mich war, so fremdschämig habe ich mich beim großen Prestigio gefühlt. Allerdings entschädigen dafür die anderen beiden Enden und eine unaufdringliche Liebesgeschichte, die mit befriedigender Hintergrundmusik aufgelöst wird.


bekommt The Accountant meine Empfehlung für Zuschauer, die einen etwas spannenden und sehr unterhaltsamen Film im Kino sehen wollen. Er gehört nicht zu meinen Top 100, aber er hat mir über zwei Stunden an Spaß eingebracht und Langeweile kam zu keiner Zeit in mir auf. Die Geschichte ist nicht perfekt, aber ich habe sie genossen.

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© Warner Bros.

Alternativen

Wenn ihr einen Film sehen wollt, in dem mehr und realitätsnaher auf das zum Autismus gehörende Asperger-Syndrom eingegangen wird, dann schaut euch Ben X an. Tut es.
Oder ihr greift zum Knetfilm Mary & Max. Tut es.
Wenn ihr Ben Affleck in seinem besten Film sehen wollt, dann greift zu Good Will Hunting. Tut es.

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Bewertung auf Filmportalen

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Bewertung
Stimmen
IMDb
7,7 / 10
30.877
moviepilot
7,3 / 10
325
Filmstarts-User
3,8 / 5
45

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