Girl on the Train

Eine Filmkritik von FilmkritikenOD zur Verfilmung des Bestsellers The Girl on the Train mit Emily Blunt in der Hauptrolle.

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Ein Tag im Europa-Park

Mami, Mami, der Günther ärgert mich schon wieder.
– Könntest du ihn bitte endlich Papa nennen?

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© Constantin Film

Wer kennt das nicht. Lange Zeit freut man sich bereits auf den Ausflug zum größten Freizeitpark Deutschlands und sobald man im Auto sitzt, geht die Nerverei los. Von hinten drücken einem die Kiddies die langen Stelzen in den Sitz und quängeln am laufenden Band. „Mami, Mami, ich hab Durst.“ „Mami, Mami, ich muss aufs Klo.“ – „Wie wär’s, wenn ihr eure Probleme gegenseitig löst?“ Ständig macht man sich Gedanken, ob man den Herd angelassen oder aus Versehen den Kühlschrank ausgeschalten hat. Und dann belagert einen die Presswurst, die man vor Jahren geheiratet hat, auf dem Beifahrersitz mit seinen Tipps, wie ich ein besserer Autofahrer werde. „Fahr nicht so weit nach rechts, sonst rammt uns der LKW.“ Wie gerne würde ich an dieser Stelle den Beifahrer-Airbag ausschalten und einfach nur Gas geben. Aber zu seinem Glück hat er die Lebensversicherung für eine magnetische Spielzeug-Rennbahn ausgegeben, die von der Decke hängt. Jetzt habe ich zwar nach der Arbeit Ruhe vor ihm, aber muss ihm jede Nacht den Nacken massieren. „Mami, Mami, Erik hat mir nen falschen Fuzzi gemacht.“ Ich hätte ihm nie erklären sollen, dass es viel ekeliger ist, wenn man sich selbst den Finger ins Ohr und dann dem anderen in den Mund steckt. Ich könnte ausrasten. Und wenn es so weitergeht, werde ich ausrasten. Aber egal was mir gleich für Beschimpfungen entgleisen, eines darf ich auf keinen Fall sagen: „Wenn ihr nicht aufhört, dann drehen wir um.“
Kinder spüren leere Drohungen. Wir müssten also wirklich umdrehen, wenn sie weiterhin Quatsch machen. Und das will ich nicht. Ich will in den Europa-Park und einen einzigen Tag in Ruhe genießen. Damit wir nicht anstehen müssen, haben wir uns den Mittwoch im Jahr rausgesucht, der am weitesten von jedem Feier- und Ferientag in Deutschland, Frankreich und der Schweiz entfernt ist.
Leider hatten geschätzte 20.000 andere Leute den gleichen Plan.
„Verdammt Günther, du hast auf den Kalender von 2015 geschaut!“ – „Isabel, du sollst ihn nicht Günther nennen.“

Darum geht es – was ich nach dem Trailer dachte

Eine Frau beobachtet jeden Tag vom Zug aus eine hübsche Frau und deren Ehemann. Eines Tages erblickt sie das Unterwäschemodel mit einer Affäre. Am Tag darauf ist die Schönheit tot. Unsere Zugfahrerin weiß zu viel und gerät psychisch unter Druck.

Darum geht es – nachdem ich den Film gesehen habe

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© Constantin Film

Drei Frauen: Eine Alkoholikerin mit gelegentlichen Blackouts, die gerne Zug fährt. Eine Mutter. Das Model. Es bestehen mehrere Verbindungen zwischen den Dreien: Der Ehemann der Mutter ist der Ex-Mann der Alkoholikerin. Das Model ist Nanny bei der Mutter. Die Alkoholikerin beobachtet das Model vom Zug aus. Das Model und die Alkoholikerin haben denselben Psychiater. Das Model geht in der Nacht verschütt, als die Alkoholikerin mal wieder einen Blackout hat. Was ist passiert? Oder: Hangover als Drama.
Und ja, ich hätte die Geschichte spannungserregender wiedergeben können.

Die Überleitung

Nach zwei Stunden Fahrt ist man endlich im Europa-Park angekommen. Der Trick ist, dass man zu Beginn zu den älteren Attraktionen rennt, um nicht lange anstehen zu müssen. Viele spurten nämlich zu den neuen Achterbahnen und dort staut es sich schnell. Anstehzeiten von bis zu zwei Stunden habe ich bereits erlebt. Eine Stunde ist keine Seltenheit. Dann erspäht man das Schild mit der Aufschrift „Noch 10 Minuten“. Na, endlich. Die Vorfreude steigt. Man betritt einen Wagen und fährt 3:13 Minuten. Vorbei. Neu anstehen. Und am Ende des Tages stellt man sich die Frage, ob all die Warterei und die vier Stunden Autofahrt die halbe Stunde voller Jauchzen und Kreischen wirklich wert war. Wahrscheinlich ja, sonst würde keiner mehr hingehen.
Wenn wir dieses Gefühl nun auf einen Film transferieren, stelle ich die Frage, ob sich ein 2-Stunden-Streifen lohnen kann, wenn die ersten 90 Minuten aus abschreckender Langeweile bestehen. Denn genau das ist die Romanverfilmung Girl on the Train. Wer einen spannenden Thriller erwartet, der bekommt zunächst anderthalb Stunden voller Ehe- und Beziehungsdramen aufgetischt. Schlechterweise mit erzählender Erklärstimme im Hintergrund. Ein Fehler, der bei Buchverfilmungen leider häufig gemacht wird, wenn Gedanken auf die Leinwand gebracht werden sollen. Zeigen, nicht erklären, lautet eine Anweisung an Schriftsteller und für Filmemacher gilt nichts anderes.
Wobei das nicht die gesamte Wahrheit ist, denn bereits nach 30 Minuten bekommt man drei Mystery-geladene Minuten serviert, in denen auch der Film beweist, dass er nicht immer die Wahrheit erzählt. Nur, dass es danach wieder mit der gleichen langatmigen Soße von zuvor weitergähnt. Wenn ich nicht im Kino gesessen hätte, dann weiß ich nicht, ob ich Girl on the Train bis zum Ende angeschaut hätte.

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© Constantin Film

Womit ich das Beste verpasst hätte. Denn erstaunlicherweise nimmt der Film in der letzten halben Stunde plötzlich Fahrt auf. Sobald der Zuschauer die gelungene Auflösung kennt, ist auf einmal Suspense das vorherrschende Stilmittel. Man kann mit den Figuren mitfiebern und fragt sich, wie es weitergehen wird. Das Ende selbst empfand ich ebenfalls als befriedigend und hat dem Rechnung getragen, was ich ursprünglich erwartet hatte.
Nur bleibt somit das Dilemma bestehen, ob man etwas empfehlen kann, bei dem man sich für wenige Minuten Spaß zuvor über eine lange Zeit quälen musste. Im Europa-Park mag man das noch bejahen können, aber in diesem Fall ist meine Antwort ein klares Nein. Auf jeden Fall nicht im Kino. An einem regnerischen Sonntag daheim auf dem Sofa könnt ihr euch aber mal die Romanvorlage gönnen. Inklusive bissiger Kommentare der Alkoholikerin. Die haben es nämlich nicht in die Filmadaption geschafft.

Die Welt schaut rauf zu meinem Fenster
 
 
 
Bewertung auf Filmportalen

Portal
Bewertung
Stimmen
IMDb
6,7 / 10
26.345
moviepilot
6,2 / 10
206
Filmstarts-User
3,0 / 5
24

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Rezensionen zur Romanvorlage:

einestundezeit
mokita (sehr negativ)
myimpressions4u (sehr positiv)
Nessis Bücherregal
stryleTZ (sehr positiv)

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4 Gedanken zu “Girl on the Train

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