Der Nachtmahr

Eine Filmkritik von FilmkritikenOD zum deutschen Coming-of-Age Psychothriller Der Nachtmahr.

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Horrorfilme und Pubertät passen gut zusammen

Denn das Erwachsenwerden ist der reinste Horror. Der Körper verändert sich, Haare beginnen zu wachsen, die Stimme wird kratzig, die einen müssen sich im Schwimmbad auf den Bauch legen, die anderen gehen einmal im Monat gar nicht hin und was das erst alles mit unserer Psyche macht. Aber lassen wir doch unsere Wonneproppen für sich selbst sprechen. Wir haben mehrere Jugendliche nach peinlichen Anekdoten aus ihrer Heranwachsenszeit gefragt:

Beim Masturbieren erwischen
Ihr sagt jetzt bestimmt, das ist doch kein Problem und mittlerweile nicht mehr peinlich, aber dann habt ihr das selbst noch nicht erlebt. Ich habe heute noch Alpträume davon. Es war der 16. Juni, ein Mittwoch. Ein Lehrer wurde krank und da ich nahe der Schule wohnte, bin ich in den beiden Freistunden nach Hause. Meine Geschwister waren in der Schule und meine Eltern auf Arbeit. Dachte ich. Also legte ich mich aufs Bett und hörte meine Lieblingsband. Damals hießen die noch Metal Shop, oder war es bereits Metal Skool? Jedenfalls habe ich es mir gerade gemütlich gemacht, als die Türe aufging. Völlig erschrocken, dass doch noch jemand im Haus war, fiel ich beinahe aus dem Bett und starrte zur Tür. Dort stand mein Vater. Nackt. Mit seinem erigierten… Das wünsche ich wirklich niemandem. Für eine ewig dauernde Sekunde sah ich auf seinen Schritt und dann trafen sich unsere Augen. Er stolperte zurück. Minuten später klopfte es an meiner Tür. Mein Herz raste nach wie vor. Und dann folgte das peinlichste Gespräch, das ich je in meinem Leben führen durfte. Selbstbefriedigung sei was ganz normales, das mache jeder. Aber doch nicht im Zimmer seines Sohnes mit einem Gürtel um den Hals! Ich weiß bis heute nicht, was er überhaupt bei mir wollte. Danach habe ich immer abgeschlossen.
Die unerwiderte Liebe
Ich war so verknallt in Petra, unglaublich. Und als Teenager ist man so dumm, wenn es um die Liebe geht. Die Mädchen kicherten immer, wenn ich an ihnen vorbeigelaufen bin und ich habe das als gutes Zeichen gesehen. Also habe ich all meinen Mut zusammengenommen und bin zu Petra hin. „Kann ich dich mal sprechen“, stotterte ich ihr entgegen. Die anderen kicherten noch mehr. So hätte es sein können, wenn ich Eier gezeigt hätte. Stattdessen habe ich Tobi einen Brief gegeben und der ist dann zu der Mädchentraube und hat ihn Petra überreicht. Was da drinstand? Willst du mit mir gehen, ja, nein, vielleicht und ich habe wie ein Stalker erklärt, dass ich sie im Unterricht immer beobachte. Tobi zeigte auf mich und ich winkte verschämt rüber. Tja, später habe ich herausgefunden, dass sie immer über mich und meine alten Klamotten gelacht haben. Wie ich das erfahren habe? Ein paar Tage später haben sich Petra und ihre Freundin ins Sekretariat geschlichen und den Liebesbrief über die Sprechanlage vorgelesen. Inklusive Begründung, wieso das mit uns nie was werden würde. Wieso das mit mir und keinem Mädchen jemals etwas werden würde. Die beiden haben eine Strafarbeit bekommen und ich habe einen Antrag auf Schulwechsel gestellt. Mal sehen, was dabei herauskommt. Drückt mir die Daumen.
Das unbekannte Wesen
Meine Mädels haben sich oft über mich lustig gemacht. Wie das unter Freunden so ist. Aber damals hat mich das echt getroffen. Als Teenie ist man verunsichert. Da kann jeder Spruch über deinen Körper dich für Tage aus dem Konzept bringen. Das sollten auch Eltern bei der Erziehung bedenken. Abends war diese Party im Schwimmbad. Eigentlich megacool. Aber dann: mein Schwarm wird von dieser Bitch umgarnt. Ich hätte ausrasten können. Und dann sehe ich dieses Viech, als ich gerade ins Gebüsch pinkle. Mir wird schwindelig und ich kippe um. Ultrapeinlich. Adam kommt her und erkundigt sich, ob alles okay sei. Ich möchte im Erdboden versinken. Zu Hause sehe ich dieses Monster wieder. Es plündert unseren Kühlschrank. Aber keiner glaubt mir. Keiner hört mir richtig zu. Aber auch meinen Freunden kann ich nichts davon erzählen. Die halten mich doch für verrückt. Bei uns in der Clique ist es nicht gut, anders zu sein. Dann wollen mich meine Eltern in die Klinik bringen. Das spricht sich doch rum. Sind die bescheuert? Ich sehe das Ungetüm in meinem Zimmer sitzen. Eigentlich ist es ganz nett, wenn man sich mit ihm beschäftigt. Aber mein Vater sieht das anders. Er rastet aus, als er in mein Zimmer kommt und schlägt auf den kleinen Nachtmahr ein. Doch der Schmerz trifft auch mich, denn wir sind miteinander verbunden.
Blind Date im Dark Room
Puh, ich habe so viel Zeug in der damaligen Zeit erlebt. Aber ganz ehrlich, sobald du dazu stehst, deine Verfehlungen zugibst und es dir selbst nicht mehr peinlich ist, dann verliert die Vergangenheit ihren Schrecken. Ich erinnere mich zum Beispiel an das eine Mal im Ferienlager, als Pierre und ich uns mit zwei Mädels verabredet haben. Es lief gut und alle wussten, worauf es hinauslaufen sollte. Maike flüsterte mir Zeit und Ort für später ins Ohr. Und ein paar kleinere Schweinereien, die ich mir an dieser Stelle spare. Gentleman und so. 23 Uhr im grünen Zelt. Sie würde nackt auf mich warten, ich sollte mich also im Vorzelt ausziehen und zu ihr in den Schlafsack schlüpfen. Ihr könnt euch bestimmt denken, wo die Reise hingeht. Karin hat Pierre gesagt, er solle im grünen Zelt auf sie warten und sich schonmal nackt in den Schlafsack legen. An dieser Stelle würde ich jetzt gerne erzählen, dass wir beide den Mund aufgemacht und uns im Vorfeld an der Stimme erkannt haben. Nope. Aber hey, wir nahmen es mit Humor. Die Mädels kamen herein und haben mitgelacht. Sekunden später waren auch sie nackt. Oder das eine Mal, als ich auf der Hausparty dieses Vollidioten in ’ne Vase gekotzt habe. Die haben sich noch Tage später über den Gestank gewundert. – Warte mal, DU hast in die Urne meiner Großmutter gekotzt?!

Horror aus Deutschland

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© Koch Media

Wenn ihr den oberen Teil übersprungen habt und wissen wollt, worum es in dieser kleinen deutschen Produktion geht, dann solltet ihr euch die Geschichte Das unbekannte Wesen zu Gemüte führen. Denn detaillierter auf den Plot werde ich an dieser Stelle nicht eingehen.
Stattdessen sage ich direkt, dass hier für 80.000 € ein beeindruckendes Stück deutscher Film entstanden ist, der in meinen Augen leider falsch vermarktet wird. Denn bei Der Nachtmahr handelt es sich weniger um einen Horrorfilm, denn um ein Psychodrama übers Erwachsenwerden mit gelegentlichen Ausflüchten ins Thrillergenre. Was das heißen soll? Es wird früh aufgelöst, wer dieser Nachtmahr ist und wie er ausschaut. Und wie so oft verliert das Unbekannte seinen Schrecken, sobald es aus der Dunkelheit ins Licht tritt. Waren in der ersten halben Stunde noch Spannung und Suspense vorherrschend, rücken im Verlauf mehr und mehr die dramatischen Züge in den Vordergrund. Wie hängt das süße Monster mit der Protagonistin zusammen und was macht das mit ihrer Psyche? Wie reagiert die Umwelt darauf? Welchem Interpretationsansatz folgt man? Das sind die Fragen, um die es in den zweiten 50 von 80 Minuten geht. Da Erwartungshaltung ein wichtiger Aspekt beim Filmgenuss ist, sollte man sich hierauf einstellen.

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© Koch Media

Die ersten zehn Minuten empfand ich schon beinahe als genial und spätestens bei der Szene mit dem Auto hatte mich der Streifen am Haken. Ich war verwirrt und fasziniert zugleich. Ich wollte mehr in den Sog der Musik und der Bilder gezogen werden. Die Warnung, dass Der Nachtmahr Epilepsie hervorrufen könne, halte ich zwar für übertrieben, aber durch den Einsatz von Stroboskop und lauter Musik für nicht gänzlich ausgeschlossen.
Danach wird es ruhig und wir tauchen in die Familienwelt unserer Hauptfigur ein. Stets gepaart mit dem Grusel um das geheimnisvolle Wesen. Gebannt sitzen wir vor dem Fernseher. Bis der Grund für die Spannung gezeigt wird. Wie schon angedeutet, wurde ich ab da aus dem Film geworfen und habe nicht mehr so richtig reingefunden. Es gab zwar noch ein paar formidable Szenen und das Ende ist ebenso nicht von schlechten Eltern, aber das Gezeigte hatte mich bereits verloren. Schade, denn Der Nachtmahr ist wahrlich ein überdurchschnittlicher deutscher Film, der mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. So saß ich mal wieder vor meinem Fernseher und habe mich gefragt, ob das Drehbuch als Kurzfilm mit einer Laufzeit von einer halben Stunde nicht besser funktioniert hätte. Oder nur die ersten zehn Minuten mit einem schönen Mindfuck als Ende.


ist Der Nachtmahr für mich nicht der Heilsbringer des deutschen Kinos, thront aber über einem Großteil der restlichen Kinoproduktionen hierzulande. Wer seine Erwartungen in die richtige Richtung polt, der dürfte feine Unterhaltung bekommen, die obendrein ansprechend gefilmt ist. Alles garniert mit einem wahnsinnig starken Beginn, an den der Rest leider nicht mehr heranzureichen vermag. Mehr für Feuilleton und Cineasten als für Popcornfilm-Fans geeignet.
Alternativ könnt ihr einen Blick auf It Follows werfen, an den ich mich häufig erinnert gefühlt habe.

Hopfen und Malz, Finger in‘ Hals.
 
 
 
Bewertung auf Filmportalen

Portal
Bewertung
Stimmen
IMDb
7,0 / 10
866
moviepilot
7,0 / 10
439
Filmstarts-User
3,5 / 5
18

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