The Handmaiden

Eine Filmkritik von FilmkritikenOD zum südkoreanischen Thriller The Handmaiden von Regisseur Chan-wook Park.

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Geld her, oder es gibt Liebe!

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© Koch Media

Kennt noch jemand die Sendung Geld oder Liebe mit Jürgen von der Lippe, die in den 90ern ausgestrahlt wurde? Dort ging es um sechs Singles, drei Männer und drei Frauen, die sich in mehreren Pärchenspielen kennengelernt haben. Am Ende hatten sie die Wahl, sich für das von ihnen in den Spielen angesammelte Geld oder für die Liebe zu entscheiden. Nur dann, wenn jemand Liebe wählte und vom Publikum in das Pärchen des Abends gewählt wurde, hatten sie die Chance auf den Jackpot. Dann musste allerdings das passende Gegenstück ebenfalls eine Herztafel als Symbol für die Liebe hochhalten. Gar nicht so wahrscheinlich.
Als Kind habe ich mich immer aufgeregt, wieso sich überhaupt jemand für die Liebe entschied. Nicht, weil ich ein nihilistisches Arschloch war, sondern weil ich rein pragmatisch dachte: Nehmt die Kohle und sobald die Sendung vorbei ist, gönnt ihr euch zusammen ein nette Date im Herzblatthubschrauber von eurem Gewinn. Wenn ihr das Risiko eingeht, dann habt ihr am Ende gar nichts. Ich gestehe, dass ich als kleiner Bub nicht sonderlich romantisch veranlagt war.

Die Zeiten sorgen glücklicherweise nicht nur dafür, dass man Bushidos Kinodebüt vergisst, sondern garantieren auch einen stetigen Wandel. Früher gab es keine Wahl zwischen Geld und Liebe. Man ging den heiligen Bund der Ehe ein, um finanziell abgesichert zu sein und mit etwas Glück und genug Hormonausschüttung folgten irgendwann amouröse Gefühle von allein. #Stockholmsyndrom
Heutzutage ist die Frau durch eine eigene Ausbildung abgesichert und in den weniger vermögenden Schichten hilft der Staat im Notfall aus. Man könnte sich endlich für die Liebe entscheiden. Aber ewig lockt das Geld: Steuervergünstigungen, Aufstieg in eine höhere Kaste, Faulheit, Kindergeld, Elterngeld, Eheverträge, und so weiter und so fort. Und steht man sattelfest auf eigenen Beinen, dann kreuzt einem die eigene Wankelmütigkeit den Weg. Oder ein fehlendes Urvertrauen. Am Ende ist mein schönes Geld zusammen mit der Partnerin / dem Partner wieder fort. Mir geht es doch alleine ganz gut, warum etwas ändern. Vor allem jetzt, da auch Frauen eine (besser als) lebensechte Sex-Puppe für schlappe 8.000 € bekommen können. Den Link erspare ich euch.

Darum geht es

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© Koch Media

Der neueste Film von Kult-Regisseur Chan-wook Park (Oldboy, Lady Vengeance, Stoker) ist an den Roman Solange du lügst von Sarah Waters angelehnt und transferiert die Handlung ins Japan der 1930er. Es geht um eine südkoreanische Dienerin, die bei einer reichen, japanischen Landlady einkehrt, um einen diebischen Plan umzusetzen. Sie soll dafür sorgen, dass die Dame sich in einen falschen Grafen verliebt, damit die beiden Gauner gemeinsam das Vermögen unter sich aufteilen können. Allerdings sieht es ganz so aus, als würde sich die Herrin in ihre Untergebene verlieben und nicht in den falschen Fuffziger. Oder verläuft die Liebe in die umgekehrte Richtung und ist am Ende stärker als der Ruf des Geldes? Die Zeit läuft davon, denn der undurchschaubare Onkel möchte seine Nichte ebenfalls des schnöden Mammons wegen heiraten. Es kommt alles anders…

Der Regisseur

Ich liebe diesen Regisseur. Wenn sich irgendjemand mit atemberaubenden Einstellungen und Überblenden auskennt, dann ist es Chan-wook Park. Zusätzlich ist er in der Lage, mit seinen Bildern eine Geschichte zu erzählen und schafft es immer wieder den Zuschauer an der Nase herumzuführen, bzw. seine Figuren im wechselnden Licht zu baden. Dabei schrammt er trotz meist abgefahrener Charaktere nie am Trash oder der Unglaubwürdigkeit entlang.
Soviel zu seinen bisherigen Filmen. Wie schaut es nun mit The Handmaiden aus, der im deutschen den Titel Die Taschendiebin bekommen soll?

Der Aufbau

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© Koch Media

Der Streifen ist in drei Teile gegliedert und erzählt den Plot aus verschiedenen Blickwinkeln. Für Wendungen und Überraschungen ist also gesorgt. Zudem legt er sich auf kein Genre fest, sondern wandelt spielerisch zwischen Drama, Thriller, Gaunerkrimi und auch Erotikfilm. Wer bereits die lesbischen Liebeleien in Blau ist eine warme Farbe für künstlerisch wertvoll hielt, der wird hier eines besseren belehrt. Die Sexszenen sind vielleicht nicht sonderlich wagemutig, aber exzellent und hocherotisch von der Kamera eingefangen.
Während der erste Teil noch beinahe konventionell rüberkommt und nur durch ein paar Rückblenden für besondere Aufmerksamkeit sorgt, beginnt The Handmaiden genau in dem Moment die Schrauben anzudrehen, in dem ich mich gefragt habe, wann das Spektakel an Fahrt aufnehmen würde. Und wenn man denkt, man hätte das Leinwandspiel durchschaut, dann wird dem Ganzen nochmal eins draufgesetzt. Und das mit im Grunde nur vier Personen in einem Haus. Vier undurchsichtige Gestalten in einem düsteren Anwesen, das so manches Geheimnis verbirgt.

Der Vergleich

Allerdings habe ich damit vielleicht zu viel versprochen, denn ganz so späktakulär wie z.B. Oldboy kommt weder die Geschichte noch die Aufmachung daher. Aber das ist auch schwer bis nahezu unmöglich zu toppen. In seinem Œuvre findet man zudem für alle filmischen Disziplinen ein besseres Vorbild, was The Handmaiden aber keineswegs zu einem durchschnittlichen Film macht. Denn selbst ein durchschnittlicher Chan-wook Park ist immer noch um Längen besser als 95% dessen, was Hollywood auf den Markt wirft. Dazu ist die Bildgewalt zu überlegen und die Art der Erzählung zu sehr auf den Punkt gebracht. Außer vielleicht bei Durst, seinem Ausflug in Vampirgefilde, der fällt etwas ab.

Das Urteil

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© Koch Media


steht The Handmaiden für 140 Minuten gute Unterhaltung auf hohem Niveau, bei dem besonders Thriller-Freunde auf ihre Kosten kommen werden. Ich saß gebannt vor dem Bildschirm und hatte durchgehend das Verlangen, zu wissen, wie es weitergeht. Die Auflösung ist dann vielleicht kein Uwe Hohn aber trotzdem ein solider Wurf, der bei Laune hält. Wenn man penibel sein möchte, dann fehlt dem Film eine Kirsche als i-Tüpfelchen, aber für die Sahne reicht es allemal. Zudem ist er europäisch genug, dass sich niemand von der südkoreanischen Herkunft abschrecken lassen müsste. Meine volle Empfehlung an dieser Stelle.

Ist die Puppe ohne Sprachmodul günstiger?

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