Into the Wild

Eine Filmkritik von FilmkritikenOD zum US-amerikanischen Drama Into the Wild über das Leben des Aussteigers Christopher McCandless.

Die schönsten Erinnerungen sind die eigenen

Filmkritik zu einem der besten Filme auf Amazon Prime Video
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Schon früh zog ich aus,
wollte die Welt bereisen.
Bald hatte ich es raus
und vermochte sie zu umkreisen.
Denn – egal wohin ich lief,
wie viele Nächte ich dort blieb,
wie viele Schritte ich zählte,
oder welche Richtung ich wählte –
am Ende einer jeden Reise,
angekommen bei mir,
schlich ich – klammheimlich leise –
zu ihr zurück vor die Wohnungstür.

Bonsai „Love, it is a flower…“

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© Tobis StudioCanal

Als Kind saß ich oft vor dem Fenster und beobachtete die Leute auf der Straße. Wie sie raschen Schrittes vorbeigingen und einander nicht bemerkten. Wie gerne wäre ich hinausgerannt und hätte sie miteinander bekannt gemacht. Was nutzt es, ein Gesicht zu haben, wenn man es niemandem zeigt? Mein Vater sagte immer, draußen sei es zu gefährlich, ich solle lieber drinnen bleiben. Ironischerweise starb er zu Hause, als er durch die Luke auf dem Dachboden fiel.
Besonders angetan hatte es mir ein Mann um die 40, der in einem Reisebüro gegenüber arbeitete. Sechs Tage die Woche saß er hinter dem Schaufenster auf seinem Bürostuhl und tippte etwas in seinen Computer. Häufig gingen Kunden hinein und buchten eine Reise. Sie zeigten dem Mann eine Seite aus einem Katalog und wählten ihren Bestimmungsort aus. Glücklich gingen sie nach draußen. Viele kamen im nächsten Jahr wieder. Der Mann selbst schien nie zu verreisen. Er saß jede Woche sechs Tage lang auf seinem Bürostuhl und bearbeitete Kundenanfragen. Ich weiß nicht, ob er eine Familie hatte, aber mit Freude bemerkte ich eines Tages, dass er sich einen Bonsai zugelegt hatte. Er stellte ihn auf seinen Schreibtisch und wenn er gerade nichts zu tun hatte, dann lächelte er das kleine Bäumchen an. So ging es Tag um Tag. Woche um Woche. Jahr um Jahr. Ich hatte mich mittlerweile so an mein Fenster gewöhnt, dass ich gar nicht mehr daran dachte, woanders hinzugehen. Mein Mutter sagte immer, ich solle doch nach draußen gehen, niemand sitze gerne wie eingesperrt in den eigenen vier Wänden. Ironischerweise ist sie heute im Gefängnis, nachdem sie die Leiter vom Dachboden umkippte.

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© Tobis StudioCanal

Eines Morgens sah ich den Mann nicht in seinem Büro sitzen. Natürlich hatte ich mich gefreut. Endlich musste er selbst verreist sein. Aber dann sah ich den Bonsai auf seinem Tisch stehen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er diesen alleine gelassen hatte. Als er auch die nächsten Tage nicht auftauchte, begann ich mir Sorgen zu machen, blieb aber geduldig hinter meinem Fenster sitzen. Niemandem sonst schien es aufzufallen, dass das Reisebüro seit mehreren Tagen nicht mehr geöffnet hatte. Gelegentlich hielten Menschen an und schienen sich kurz zu wundern, gingen aber schnell weiter. Aus dem Telefonbuch wusste ich, dass es 17 weitere Reisebüros in der Stadt gab.
Nach drei Wochen kamen mehrere Leute und öffneten die Türe. Sie nahmen alle Sachen mit und verstauten sie in einem Transporter. Nur den Bonsai stellten sie neben eine Mülltonne und überließen ihn seinem Schicksal. Ich musste schnell handeln und zog mir Mütze, Schal, Handschuhe und meine Winterjacke an. Die Leute auf der Straße drehten sich zu mir um, als ich an ihnen vorbeirannte und in der Sonne schwitzend den Bonsai erreichte. Ein Wacholder-Shohin, wie ich bald in Erfahrung bringen sollte. Ich ging zurück und sagte zu mir, dass ich zusammen mit dem Bonsai die Welt erkunden würde. Was nutzt es, in einem tragbaren Topf zu stecken, wenn man immer am gleichen Ort verweilt?

Darum geht es

Into the Wild zeigt die Sinnsuche eines jungen US-Amerikaners, der seine Sachen packt und die Wildnis zu seiner neuen Heimat macht. Auf dem Weg trifft er viele Menschen, die ihm zur Seite stehen und mit denen er eine vergnügliche Zeit verbringt. Doch obwohl er auf fast jeder seiner Stationen hätte glücklich werden können, zieht es ihn weiter und weiter…

Kritik

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© Tobis StudioCanal

Der Weg zu sich selbst ist der längste, den ein Mensch zu gehen hat. Er führt von der Geburt bis zum Tod und die meisten erreichen das Ende nie oder erst in den letzten Atemzügen. Into the Wild zeigt mit beeindruckenden Bildern eine beispielhafte Lebensreise, die mit hervorragenden Schauspielern auf den Bildschirm gebracht wird. Das ist so ein Film, bei dem ich mich mit dem Schwärmen zurückhalten muss, denn er schafft es auf unterhaltsame Weise Herz, Hirn und Seele anzusprechen. Der Film gibt einem zu denken, zu lachen und zu weinen. Die Kamera verlässt den Protagonisten so gut wie nie und der Zuschauer kann sich gut in ihn hineinversetzen und seine Entscheidungen nachvollziehen – auch wenn er selbst komplett anders handeln würde.
Die wahre Geschichte gibt bereits viel her, aber die filmische Umsetzung muss sich nicht dahinter verstecken. Augenumschmeichelnde Landschaftsaufnahmen treffen auf Grundgedanken des Menschseins: Ziehe ich weiter oder bleibe ich hier? Habe ich mein Glück bereits gefunden oder gibt es woanders noch mehr für mich? Was will ich vom Leben und was könnte ich verpassen? Ein Drama in der Form eines Road Movies, das eine große Gefühlspalette anspricht. Beim Anschauen hatte nicht nur Lil Wayne Tränen im Gesicht.

Fazit

Nach Whiplash und Perfect Blue mein liebster bis zu diesem Tage besprochener Film auf FilmkritikenOD. Völlig zu Recht in unserer On-Demand-Empfehlungsliste und würde er mit A beginnen, dann stünde er dort ganz weit oben. Unbedingt Anschauen.

Ironischerweise haben mein Bonsai und ich die Welt bis heute nur im Kino gesehen.
 
 
 
Bewertung auf Filmportalen

Portal
Bewertung
Stimmen
IMDb
8,2 / 10
437.068
moviepilot
7,9 / 10
27.527
Filmstarts-User
4,2 / 5
741

Was schreiben andere Blogger über diesen Film?

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…nach oben…

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2 Gedanken zu “Into the Wild

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