Fucking Berlin – Filmkritik

Eine Filmkritik von FilmkritikenOD zum biographischen Drama Fucking Berlin über eine Studentin, die sich mit Sex finanziert.

Plus Erfahrungsbericht aus dem Bordell | DVD-Start war der 6.10.2016
Einleitung über- und direkt zur Kritik springen

Mein erstes Mal (im Bordell)

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© Arenico / Neue Visionen

Trotz kurzer Zündschnur war ich ein Spätzünder und mit 17 immer noch unschuldig. Meine Kumpels haben zwar Kosten aber keine Mühen gescheut, um dies an meinem 18. Geburtstag zu ändern. Nicht persönlich, glücklicherweise. „Wir gehen schwimmen“ haben sie gesagt. Mir hätte klar sein müssen, dass sie damit den Fotsee bei uns im Industriegebiet meinten. Das ist so ein Poolbereich Plus. Mit verbundenen Augen bin ich hingefahren worden und nach der Eingangstür, als das Geheimnis gelüftet wurde, direkt der erste Schock: meine Schwester stand da. Ich wollte gerade umdrehen, als alle angefangen haben zu lachen. Das war nur ein Scherz. Sie hat vor ein paar Jahren aufgehört dort zu arbeiten. Also an der Bar hatte sie gejobbt, nur an der Bar.
Dort wurde ich als nächstes hingeführt und es saßen bereits einige Typen an der Theke. „Such dir einen aus.“ Ich bekam den nächsten Schock, aber sie haben die Drinks gemeint. Bisschen Mut ansaufen kann nie schaden. „What do you get?“, fragte mich die Barkeeperin, die im Eva-Kostüm herumlief. „Schöne Feigenblätter“, stammelte ich. „What?“ „One Appletini for him, please“, flirtete Saul mit ihr. „Virgin?“ Ich nickte verschämt und bekam eine Schelle auf den Hinterkopf. „Of course not, he wants Alcohol!“ Alle lachten. Ich nicht.
Bei irgendwelchen Buschvölkern sei sowas Stammesritual, um ein Mann zu werden, redeten alle auf mich ein. Woher die Afrikaner den Fotsee kennen, weiß ich bis heute nicht. Aber da alle bereits Sex hatten, wollte ich endlich dazugehören. Leider gab es damals noch keine Männerschminke oder Pick-Up-Artistenschulen, also sollte es halt eine Professionelle werden. Da ist doch nichts dabei, redete ich mir ein. Wie viele Menschen haben ihr erstes Mal zu früh und mit einem Partner erlebt, der sich einen Dreck für sie interessiert? Ich nicht. Ich würde mich ein Leben lang gerne an diesen Abend zurückerinnern. „Und wenn nicht, dann gäbe es immer ein zweites erstes Mal. Oder?“, fragte ich in die Runde. Saul klopfte mir beruhigend auf die Schultern: „Das darfst du dann aber selbst bezahlen.“

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© Arenico / Neue Visionen

Es war soweit. Die Frauen kamen rein. „Such dir eine aus.“ Ich hätte gerne die Barkeeperin genommen, denn jetzt zeigte sich, dass sie wirklich alle Kosten gescheut haben. Zwei von den vier Damen hätten meine Mutter sein können, eine meine Oma und die letzte sah nicht so aus, als ob sie freiwillig hier war. Doch als sich unsere Blicke trafen, zwinkerte mir die letzte zu. Ich zeigte auf sie. Was mein Vater wohl zu dem Ganzen gesagt hätte? Man zeigt nicht mit dem nackten Finger auf angezogene Leute! Dann habe ich nichts falsch gemacht.
Ich ließ mich von den anderen in ihre Richtung stoßen, „du kommst erst wieder raus, sobald du ein Mann bist“, und ging mit ihr in einen Raum, in dessen Mitte ein herzförmiges Bett stand. Oder war es einem Hintern nachempfunden? Ich konnte kaum ausdenken, da legte sie ihre Lippen an mein Ohr und flüsterte: „Das willst du doch gar nicht, oder?“ Als ich nicht auf ihre Worte reagierte, sprach sie weiter: „Ich erzähle dir jetzt eine Geschichte und dann sagst du mir, ob du deine Jungfräulichkeit wirklich auf diese Weise verlieren willst. Okay?“ Ich nickte.

Handlung

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© Arenico / Neue Visionen

„Eine 20-jährige geht nach Berlin, um Mathe zu studieren. Von der Stadt überwältigt, lässt sie sich des Nächtens auch von den Männern überwältigen – freiwillig. Sie ist jung und will was erleben. Eines Tages lernt sei einen netten Typen kennen. Sie ist gleich fasziniert von ihm. Selbst als sie erfährt, dass er früher auf den Männerstrich gegangen ist, hält sie zu ihm. Doch das Geld wird knapp. Als Pole findet er keine Arbeit und mit Flaschensammeln wird man nicht reich – höchstens an Erfahrung, wenn es sich bei den Flaschen um den falschen Partner handelt. Aber sie hält ihn nach wie vor für den Richtigen. Also fängt sie neben dem Studium an, sich vor Webcams auszuziehen. Doch dabei bleibt es nicht. Bald arbeitet sie in einem Massagesalon, bei dem wie im Kino beim Happy End die Taschentücher herausgeholt werden. Mehr will sie auf keinen Fall machen. Dann geht sie in ein familiäres Etablissement und erfüllt den Kunden ausgefallene Wünsche. Fetischkrams. Anpinkeln & auspeitschen. Doch dabei bleibt es nicht. Nach dem ersten Mal Sex im Puff folgt bald der zweite Freier. Dann drei auf einmal. Ohne Durex kaum zu ertragen, und dazu gleitet ihr das Leben aus den Händen. Das Geld ist da, aber die Psyche kaputt. Ihr Studium droht zu scheitern und sie muss sich entscheiden.
Jetzt steht sie vor dir.“

Kritik

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© Arenico / Neue Visionen

Die ersten zwanzig Minuten von Fucking Berlin haben mich unerwartet in ihren Bann gezogen. In der Einführung werden die Figuren vorgestellt und als Hauptperson spielt sich das dreckige Berlin in den Vordergrund. Klang trifft auf Bilder und verschmelzen zu Atmosphäre. Dann der jähe Bruch, als zum ersten Mal die Prostitution ins Spiel kommt. Während der Anfang durch Stimmung glänzte, sorgen ab sofort gleich zwei Dinge für einen Zusammenbruch: Drama und Komödie.
Für die dramatischen Elemente sind die Schauspieler merklich überfordert und in den humoristischen Einlagen sind die Gags zu aufgewärmt. Da sind die Sprüche auf dieser Seite ein Witz dagegen. Beispiele:

Bekomme ich deine Nummer? – Die steht im Telefonbuch. – Und dein Name? – Der steht daneben.
Burn out ist für Anfänger, ich habe Fuck off.
(Ein Mann bricht in Tränen aus) Ich steh‘ auf Schwänze. – (Sie antwortet) Kein Problem, ich auch.

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© Arenico / Neue Visionen

Zusätzlich werden die ganzen bezahlten Sex-Geschichten völlig überzeichnet und lächerlich dargestellt. Fucking Berlin beruht zwar auf einer gleichnamigen Autobiographie, aber den Ort in Deutschland, an dem man einen Hamster in seinen Hintern gesteckt bekommt, den möchte ich gezeigt bekommen.
Für eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema ist er viel zu plakativ und mit dem Holzhammer vorangetrieben. Viele Nebenfiguren werden als unsympathische Karrikaturen auf respektlose Weise bloßgestellt. Dazu bietet er eine verkorkste, zweite Liebesgeschichte, die ich als unnötig empfand, und einen Nebenplot über eine intrigante Frauenfreundschaft, die natürlich so endet, dass die Nicht-Prostituierte wie im Märchen ihren Traumprinzen findet.
Als ich in Berlin war, habe ich eine Künstlerin namens Helga Götze gesehen, die ein Plakat hochhielt, auf dem „Ficken, Lieben, Frieden“ stand. Damit hat sie mehr und unterhaltsamer zum Thema beigetragen als die restlichen fast 80 Minuten von Fucking Berlin. Ruhe in Frieden.


bleibt die Frage, wie ein Film nach 20 Minuten so in sich zusammenfallen kann? Die Antwort lautet wahrscheinlich: vier Drehbuchautoren verderben den Brei. Schaut euch stattdessen die beiden Alternativen Oh Boy und Victoria an. Auch dort geht es jeweils um suchende Menschen im besten Alter, die nur durch ihre Umgebung vorangetrieben werden. Allerdings sind diese beiden stark zu empfehlen. Fucking Berlin ist es leider nicht.

Wie die Geschichte von oben ausgegangen ist? Die beiden verliebten sich, haben geheiratet und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Also Saul und die Barkeeperin. Die anderen beiden werden wir sicher irgendwann wiedersehen und erfahren, was aus ihnen geworden ist.

Seid ihr denn schonmal in einem Bordell gewesen? Schreibt es mir in die Kommentare.
 
 
 
Bewertung auf Filmportalen (Stand: 29.11.2016)

Portal
Bewertung
Stimmen
IMDb
5,7 / 10
158
moviepilot
4,8 / 10
85
Filmstarts-User
3,2 / 5
10

Was schreiben Andere über diesen Film?

Die Nacht der lebenden Texte (nicht gelungen) | Evil Ed (gute Unterhaltung) | Filmlöwin (oberflächlich) | KinoFilmer (zu klischeehaft) | kino-zeit.de (profillos) | Leinwandreporter (positiv) | Moviebreak (negativ) | Programmkino (bemüht & unauthentisch) | The Instant Geek (positiv) | Wessels-Filmkritik (positiv) | Wir Sind Movies (postiv)

…nach oben…

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2 Gedanken zu “Fucking Berlin – Filmkritik

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