Spezial: Rogue One – die Abrechnung

Eine Abrechnung mit Rogue One: A Star Wars Story

Spoilertalk | detaillierte Erklärung für meine Meinung aus der Filmkritik zu Rogue One

Warum das Ganze?

Auch wenn Rogue One in meinen Augen kein Film ist, der es verdient hat, dass man sich ausschweifend mit ihm beschäftigt, habe ich eine schnelle Alternative für den Gastbeitrag gebraucht, der heute hätte erscheinen sollen. Vielen Dank an dieser Stelle an mein gestörtes Urvertrauen, das mich dazu gebracht hat, diesen Text wenige Stunden zuvor für den Fall der Fälle zu verfassen:

Nichts wird beschönigt

Manch einer mag an meiner Aussage Anstoß gefunden haben, dass ich die erste Hälfte von Rogue One nicht gut fand. Nicht nur enttäuschend, nein: nicht gut. Das habe ich weder geschrieben, um vorsätzlich anzuecken, noch um meiner Verbittertheit als gescheiterter Filmkritiker Luft zu verschaffen. Die erste Hälfte von Rogue One hat auch nach mehreren Tagen darüber schlafen und dem Lesen anderslautender Meinungen für mich nichts mit einem sehr guten und wenig mit einem guten Film gemeinsam. Die Gründe dafür möchte ich an dieser Stelle nochmal vertiefen und sollte nur von denen gelesen werden, die den Film bereits gesehen haben. Wer Rogue One nach wie vor abfeiern möchte, darf dies tun, aber ich stehe zu meiner Meinung, dass in spätestens fünf Jahren die einhellige Einschätzung zu diesem Star-Wars-Spin-Off eine gänzlich andere sein wird, als die hohen Bewertungen auf IMDb momentan vermuten lassen.

Charakterschwäche

Die Charaktere sind uninteressant, erleben keine Entwicklung und haben höchstens eine angedeutete Motivation, die sich aber nicht in ihrem Verhalten widerspiegelt. Bestes Beispiel ist der von Forrest Whitaker gespielte Saw Gerrera, der sich für den Freitod entscheidet, obwohl das rettende Raumschiff nur mehrere Meter von ihm entfernt steht. Warum? Wahrscheinlich war er todkrank, noch wahrscheinlicher benötigten die Drehbuchautoren eine emotionale Szene. Allerdings bedarf es für einen solchen Tränendrüsendrücker einen Charakter, der einem davor ans Herz gewachsen ist.
Das ist etwas, das sich durch den gesamten Film zieht: wir interessieren uns nicht für den Tod von Mads Mikkelsen als Galen Erso und auch nicht für den den der beiden Hauptdarsteller Felcity Jones als Jyn Erso und Diego Luna als Cassian Andor. Einzig der Roboter K-2SO wächst dem Zuschauer ans Herz und kann eine Gefühlsregung hervorrufen.
Jetzt mag man sagen, dass es den Machern nicht um Charaktere ging, sondern um eine Geschichte. Aber dann sollte man sich nicht gleichzeitig auf genau diese Sterbeszenen verlassen. Das zeigt nur, dass man es nicht hinbekommen hat und eben doch wollte, dass einem die Charaktere etwas bedeuten.

Erzählprobleme

Vieles, das erzählt wird, ist irrelevant. Aus der ersten Filmhälfte ist einzig wichtig, dass der Wissenschaftler Galen Erso eine Schwachstelle in den Todesstern eingebaut hat und diese Information mit Hilfe eines abtrünnigen Piloten mit den Rebellen teilen möchte. Weder ist von Interesse, dass seine Tochter etwas damit zu tun hat, noch benötigt man die vorgestellten Charaktere, da sie bis auf ihre Spezialfähigkeiten (Waffe im Rucksack, blinder Schwertkämpfer, Pilot) dem Zuschauer nichts zu bieten haben. Die ganze Rogue-One-Truppe hätte aus völlig anderen Personen bestehen können und der Filme hätte genauso gut bzw. schlecht funktioniert.
Dass Jyn Erso die Tochter des Wissenschaftlers ist, dient einzig den Emotionen in der Hologramm- und der Sterbeszene. Aber durch die fehlende Charakterbindung benötigt der Zuschauer diese Szenen gar nicht, bzw. haben sie keine Wirkung auf ihn. Stattdessen sehen wir wie in Rogue One Anspielungen auf die Original-Trilogie in Form von Figuren, Schauplätzen und Technologien. Ja, gar in Form von blauer Milch. Und trotzdem lese ich sehr häufig, dass es hier viel weniger Anspielungen als beispielsweise in Episode VII gäbe. Schaut euch den Film nochmal an, er ist eine einzige Anspielung. Er ist ein Prequel, das einzig dazu da ist, die Vorgeschichte von Teil IV zu erzählen. Star Wars VII könnte auch ohne alle anderen Teile bestehen und würde sogar besser werden, weil ihm dann nicht vorgeworfen werden könnte, dass er vieles kopiere. Rogue One würde ohne die anderen Filme nicht funktionieren, weil wir gar nicht wüssten, was auf dem Spiel steht und die CGI-Darsteller noch blödsinniger erscheinen würden. Zudem würde man Darth Vader als verschenkt bezeichnen, weil der coolste Typ die geringste Screen-Time hätte. Gut, das ist alles nur Spekulation, aber ihr wisst hoffentlich, worauf ich hinaus möchte.

Zusammenfassend

Dann haben wir noch den Punkt mit dem Tentakelvieh, das dem Piloten das Gedächtnis raubt, aber anstatt daraus ein Story-Element zu machen, bekommt er seine Erinnerung nach nur einer Frage, ob er der Pilot sei, wieder zurück. Warum hat man das überhaupt in den Film eingebaut? Das ist die zentrale Frage in der ersten Hälfte von Rogue One. Warum hat man irgendwas von alledem in den Film eingebaut?
Was bleibt, wenn die erzählte Geschichte aus einem Satz besteht, die Charaktere belanglos sind und der gezeigte Bösewicht zwar interessant, aber am Ende nur ein kleines Würstchen ist? Schöne Bilder, ein Roboter mit trockenen Sprüchen und Nostalgie. Aber deswegen schaue ich mir keinen Film an. Egal, ob er Star Wars, Avatar 2 oder Matrix Reloaded heißt.
Star Wars VII bestand zwar u.a. aus den gleichen Zutaten, abzüglich so schöner Landschafts- und Weltalleinstellungen. Aber zusätzlich hatte er verdammt charismatische, sowie interessante Charaktere. Zusätzlich Geschwindigkeit in der Erzählung. Dazu spannende Momente, einen zerrissenen aber trotzdem mächtigen Bösewicht und den passenden Humor.
Den einzigen Punkt, den ich Rogue One in der ersten Hälfte noch gebe, ist der Todesstern. Wobei ich der Meinung bin, dass die zweite Planetenzerstörung ganz am Ende ausgereichet hätte, bzw. ohne die erste sogar noch imposanter ausgefallen wäre.

Schlussplädoyer

Ich möchte nochmal dazu sagen, dass das kein Meckern auf hohem Niveau ist. Die erste Hälfte von Rogue One leidet an so erheblichen Mängeln, dass er ohne das Star Wars im Namen und die zweite Filmhälfte bereits heute die landläufige Meinung hervorrufen würde, die ich ihm in ein paar Jahren prophezeie.
Das sage ich jetzt nicht, um den Film unnötig schlecht zu machen. Obwohl ich generell eine eher negativere Einschätzung an den Tag lege, wenn ich mich in der Filmblogosphäre umschaue, liebe ich Filme. Aber ich liebe nicht jeden Film und erst Recht keine Filme, denen man anmerkt, dass sie nicht aus Liebe zum Film sondern aus Liebe zum Geld gemacht wurden. Ich denke zwar, dass die Drehbuchschreiber und nicht die Geldgier bei Rogue One die Schuld tragen, aber das ist ein generelles Problem der letzten Jahre, das ich nicht verschweigen wollte, wenn ich schonmal die Zeit dazu finde. Fortsetzungen, Spin-Offs, der Aufbau eines Filmuniversums, Buchverfilmungen, Spieleverfilmungen, Remakes und ähnliche Grundideen beherrschen den Kinosaal. Filme wie Deadpool, die zwar eine Comicverfilmung darstellen, sich aber aus der Komfortzone des garantierten Gewinns heraustrauen, sind selten geworden. Deswegen habe ich Swiss Army Man mit Daniel Radcliff und Paul Dano explizit gelobt, obwohl er mir nicht durchweg gefallen hat. Er versucht etwas anderes auf eine originelle Art und Weise zu erzählen.
Rogue One setzt ein angeblich so neues, düsteres Szenario in eine Welt, die mit Star Wars V bereits einen sehr dunklen Film bekommen hat. Am Ende haben wir den Auftritt von Vader, der einem im Gedächtnis bleibt und eine wirklich schön und übersichtlich gefilmte Actionschlacht. Aber haben wir dafür unbedingt einen neuen Film gebraucht? Ich würde gerne ja sagen, aber dazu ist Rogue One einfach nicht gut genug.

Wir sprechen uns in fünf Jahren wieder, sobald diese Meinung die vorherrschende sein wird.

…nach oben…

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8 Gedanken zu “Spezial: Rogue One – die Abrechnung

  1. Zustimmung, Zustimmung, Zustimmung. Nach fast ausschließlich überwiegend positiven, ja euphorischen Kritiken fragte ich mich schon: Bin ich der einzige, dem diese misslungene Chimäre von zweitklassigen Weltraum-Caper und Star Wars-Universum missfallen hat? Weltkriegs-Baller-Szenen, eindimensionale Charaktere ohne Charme, CGI-Schauspieler, lahme Story… Dem Effekt wird alles untergeordnet. Ob Peter Cushing wiederaufgebaut

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  2. wurde, spielt keine Rolle. Es ist ein Effekt ohne weiteren Belang. Eine Frauenfigur als Leader – ja das wird die Haupttrilogie besser lösen, denn der achte Teil hat etwas, was R1 fehlt: Charme und Charaktere, die sich entwickeln. Da nützen Vader und Leia in schrappigen Cameos nix. Der Film ist eine Enttäuschung.

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    • Da Rogue One eine Vorgeschichte ist, nimmt dem Film niemand übel, dass dort der Todesstern vorkommt. Oder Charaktere, die wir bereits kennen (z.B. C3PO und R2-D2, die Kopfgeldjäger aus der Cantina, CGI-Figuren, Vader). Für mich ist das Fanservice. Wobei ich das im Text nicht als sonderlich negativ herausgestellt habe, sondern im Vergleich zu Episode VII gesetzt habe, wo es viele Leute hochgradig gestört hat. Da muss ich zwar zugeben, dass mir die ähnliche Geschichte zu Episode IV auch eher kritisch aufgefallen ist, aber im Vergleich Rogue One explizit für das Fehlen solcher Anspielungen zu loben, geht mir dann doch zu weit. Die Szene mit Vader bspw. ist für mich die beste im Film. Aber nicht, wiel sie gut vorbereitet gewesen wäre, oder grandios ausgeführt. Ne, weil wir Vader sehen, wie er sein Lichtschwert benutzt. Das war in meinen Augen reiner Fanservice. Einen, den die Fans gebraucht haben, der Film hingegen nicht.

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      • Dass diese Anspielungen gänzlich gefehlt haben, will ich ja auch gar nicht sagen. Sie waren nur nicht so offensichtlich wie in Episode VII. Das Auftauchen von C3PO und R2D2 war da noch einer der schlechteren Momente, weil die beiden überflüssig waren. Todesstern, Vader und die beiden CGI-Figuren (ich kann eigentlich nicht nachvollziehen, warum sich so viele so sehr an ihnen stören) sehe ich aber nicht als das, was ich unter Fan-Service verstehe. Denn sie hatten – teils mehr, teils weniger – eine Funktion für die Handlung. Ich verstehe unter Fan-Service vielmehr diese kleinen Zitate, die ausschließlich dazu da sind, dem Zuschauer ein“Ach guck mal, das kenne ich doch“-Gefühl zu geben, ohne für die Handlung relevant zu sein.
        Dass die Vader-Szene nicht gut ausgeführt war, da kann ich dir allerdings nicht zustimmen 😉

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