Passengers – Filmkritik

Filmkritik zur Liebesschnulze Passengers mit Chris Pratt und Jennifer Lawrence

Kritik zum Kinostart | Trailer-Lüge des noch jungen Jahres
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Handlung

Christ Pratt und Jennifer Lawrence befinden sich auf einem 120-jährigen Trip zu einer erdähnlichen Kolonie, um sich jeweils ein neues Leben aufzubauen. Während der Reise liegen sie in einer Schlafkammer, damit sie nicht altern und die Zeit schneller vergeht. Doch etwas geht schief, denn während alle anderen Passagiere seelenruhig weiterschlafen, wachen sie 90 Jahre zu früh auf. Die ersten Versuche, wieder einzuschlafen, scheitern. Was tun? Sehenden Auges an Altersschwäche sterben und das Leben auf dem Raumschiff so gut es geht genießen, oder die Zeit nutzen, um eine Lösung zu finden, was sich eventuell als verlorene Liebesmüh herausstellt?
Dann erfahren sie ein erschütterndes Geheimnis und das Schiff droht, nie anzukommen.

Kritik am Trailer – Irreführung des Konsumenten

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© Sony Pictures

Nachdem eine Frau den Verleiher von Drive wegen eines irreführenden Trailers verklagt hat[1], ziehe ich das bei Passengers auch ernsthaft in Betracht. Kaum eine Woche und ich fühle mich so dermaßen in meinem Vorsatz bestätigt, keine Trailer mehr anzuschauen.
Die Werbung zu Passengers suggeriert einen Science-Fiction-Film mit einer gehörigen Portion Action und einem überraschenden Twist über zwei Menschen verloren auf einer Raumstation. Der Film Passengers liefert in seinem unterhaltsamsten Akt zunächst eine Art Kopie von Cast Away, bzw. Moon über eine einzelne Person, die an ihrer Einsamkeit zu Grunde geht. Danach folgt eine Liebesromanze, die sich 1:1 an Genrekonventionen hält, wie ich sie bereits in meiner allerersten Kritik zu Der Ja-Sager kritisiert habe. Aber dazu weiter unten mehr. Am Ende gibt es ein wenig Action und ein paar schöne CGI-Bilder.
Während ich zu Beginn noch positiv überrascht vom Abweichen des Trailers war, schlug dieses Gefühl bald in Ernüchterung um. Das als Twist angepriesene Geheimnis kommt nach einer halben Stunde heraus und wird völlig falsch behandelt. So dient es lediglich als retadierendes Moment (eine Verzögerung des Liebesschnulzen-Endes), bei dem ich sofort wusste und es hasste, wie der Film weiterging. Ein kleines bisschen Hoffnung blieb bis zum Schluss, aber letztlich hat nicht der Film sondern habe nur ich für frischen Wind gesorgt, so sehr wie ich gegen Ende mit dem Kopf schütteln musste.
Passengers ist kein Science-Fiction-Film, er erzählt eine Liebesgeschichte. Und keine gute dazu.

Was Passengers erzählen wollte vs. was er wirklich erzählt

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© Sony Pictures

Bei den Konstanzer Kurzfilmspielen 2016 lief der Kurzfilm Occasus, der erzählen wollte, wie ein Flüchtling durch die westliche Welt zu schrecklichen Dingen getrieben wird. Auf der Leinwand hat man gesehen, wie ein Flüchtling eine junge Mutter nebst Tochter umbrachte. Der Regisseur legte es als Kritik am Umgang mit Flüchtenden an, die meisten Zuschauer nahmen es aber als Kritik an der Aufnahme der wildgewordenen Flüchtlingsmeute wahr. So viel dazu, wie sehr eine angestrebte Deutung von der wirklichen Interpretation abweichen kann.
Passengers möchte darauf eingehen, was man zu einem glücklichen Leben benötigt und ob die Jagd nach einem Traum das wirkliche Leben zu sehr in den Hintergrund drängt. Zudem wirft er die im Vergleich zu Midnight Special gegensätzliche Frage auf, ob man das Leben eines anderen zerstören würde, um sein eigenes zu retten. Hätte man sich doch nur hierauf konzentriert. Das lobenswerte Ziel setzt Passengers mit der völligen falschen Herangehensweise um. Ich möchte nicht zu viel verraten, weswegen ich eine überzeichnete Parabel benutze:
Stellt euch vor, man hätte Natascha Kampusch nach ihrer Flucht vorgeworfen, warum sie abgehauen sei, immerhin hätte sie das Ziel des Lebens erreicht. Mit einer kleinen Familie in einem Haus mit Garten zu leben und sich keine Sorgen um die Zukunft machen zu müssen, da sich der Mann um alles kümmere. Nachdem sie das hört, kehrt sie zurück zu ihrem einstigen Peiniger und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Hach, wie romantisch.

Liebesschnulze im Weltall

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© Sony Pictures

NEIN! Passengers, warum hast du das getan? Du erzählst eine in meinen Augen kaputtere Liebesgeschichte als Fifty Shades of Grey und degradierst die weibliche Protagonistin zu einer sexy Begleiterin, die sich nur danach sehnt, einen liebenden Mann an ihrer Seite zu haben und ohne ihn hilflos durchs Weltall treibt. All das, was von Alien bis Gravity durch starke weibliche Hauptfiguren aufgebaut wurde, hast du wie ein Vergewaltiger würde- und respektlos eingerissen. Es ist schön, dass man Jennifer Lawrence häufig halbnackt herumlaufen sieht und die Kamera auf ihren Arsch oder ihre Brüste zoomt, aber es ist eben nicht schön, dass das alles nur diesem Selbstzweck dient.
Ich wollte einen Science-Fiction-Film mit einer kleinen Liebesgeschichte und keine selbstzerstörerische Liebesschnulze mit einem kleinen Teil Science-Fiction. Zwei verlieben sich -> Geheimnis kommt heraus -> Trennung -> Vergebung ist die übliche Herangehensweise bei einer romantischen Komödie und du machst dich dieser Formel ebenso schuldig. Aber nicht nur das, du malträtierst sie geradezu mit einem Plotpunkt, den man dir nicht vergeben kann. Nicht vergeben darf.

Fazit

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© Sony Pictures

Ich wiederhole nochmal für alle: Passengers ist eine Liebesschnulze und kein Science-Fiction-Film. Falls man ihn sich trotz allem ansehen will, dann muss man das zuvor wissen, sonst ist Enttäuschung vorprogrammiert. Allerdings passen die beiden Hauptdarsteller nicht wirklich zusammen (was ironischerweise im Film sogar angesprochen wird) und versprühen keine Funken, wenn sie sich aneinanderreiben. Er ist zwar zu Beginn erstaunlich lustig mit zurückhaltendem Humor und zeigt hier und da schöne Bilder vom Weltraum und fehlender Schwerkraft. Aber dann begeht er den größten Fehler, den er sich für meinen Geschmack erlauben konnte: er wird zur angesprochenen Liebesschnulze, die aber ab einem gewissen Punkt im Film zum Scheitern hätte verdammt sein müssen. Anstatt dies einzusehen, geht er den eingeschlagenen Weg unbeirrt weiter und begeht durch sein konservatives Weltbild ein Verbrechen an so vielem, wofür die letzten hundert Jahre im Zeichen eines aufgeklärt liberalen Lebenswandels gekämpft wurde.

Während Titanic Shakespeare auf hoher See war, ist Passengers Nicholas Sparks im Weltall mit einer netten ersten halben Stunde, einer falschen Entscheidung und einem enttäuschenden 08/15-Plot.

[Nachtrag vom 08.01.2017: Nachdem ich gelesen habe, wie das ursprüngliche Skript geendet hat und anscheinend mehr auf die moralischen Grauzonen eingeht, muss ich sagen, dass ich damit zufriedener gewesen wäre. Im finalen Film kann man sich als Zuschauer zwar Gedanken machen, aber der Film geht einfach drüber weg und wandelt auf den Pfaden von Genre-Konventionen eines simplen Liebesfilms. Und dabei birgt die hier nicht gänzlich angesprochene Thematik wahrlich Potenzial.]

Für Fans von The Lucky One und Upside Down
Alternativen für Science-Fiction-Fans: Moon und Gravity
Alternativen für Romantik-Fans: Alles eine Frage der Zeit und 10 Dinge, die ich an dir hasse

Schwerkraftausfall


Fußnoten (Link zuletzt abgerufen und getestet am 06.01.2017)

Bewertung auf Filmportalen (Stand: 06.01.2017)

Portal
Bewertung
Stimmen
IMDb
7,1 / 10
33.650
moviepilot
6,4 / 10
127
Filmstarts-User
3,2 / 5
32

Anderslautende Meinungen zu Passengers

Der Plapperblog (richtig feiner Sci-Fi-Thriller) |
Ansonsten wird häufig das Audiovisuelle gelobt, aber stets geschrieben, dass der romantische Teil nebst fragwürdiger Moral den Film allenfalls auf Durchschnitt befördert.
Solltet ihr eine überschwängliche Meinung zu Passengers veröffentlicht haben, dann lasst es mich in den Kommentaren wissen und ihr werdet hier aufgenommen.

…nach oben…

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33 Gedanken zu “Passengers – Filmkritik

    • Und dabei war der Vergleich fast ganz ohne Urteil.
      Aber gerade wenn man wie bei Toni Erdmann sieht, was und wie ein Film zu erzählen im Stande ist, dann bleibt halt hier die Frage, wieso man mit so viel mehr Geld so viel weniger auf die Beine stellt.
      Ansätze sind ja da, aber dabei bleibt es leider.

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        • Und dabei war es im Vorfeld anscheinend gerade das Drehbuch, das so viele begeistert hat. Wobei ich auf reddit gerade einen Artikel gesehen habe, der zeigt, dass das Drehbuch sich im Laufe der Zeit verändert hat und besonders das vonmir beanstandete Ende ein grundlegend anderes gewesen sein soll. Tja, könntest also Recht haben, dass sie sich im Endeffekt mehr auf die Stars konzentriert haben.

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