T2 Trainspotting – Filmkritik(?)

Filmkritik zur Fortsetzung T2 Trainspotting von Danny Boyle mit Ewan McGregor

Zum Kinostart am 16.02.2017 | 20 Jahre danach
Nix überspringen und alles lesen

Damals

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© Sony Pictures

Es muss so 1997 gewesen sein, dass ich mich in meiner löchrigen Unterhose auf das Sofa fläzte und mein Rücken verschwitztermaßen festklebte. Ich konnte also nicht aufstehen, als es klingelte. „Es ist offen, ihr Hurensöhne!“ Damals war man noch nicht politisch korrekt. Außerdem war es nur Cosby, der mal wieder nichts Besseres zu tun hatte, als mit dem Bus vom anderen Ende der Stadt zu mir zu fahren.
„Du bist ja in Unterhose!“ „Ja und“, sagte er, „du doch auch.“ Das war ein Argument.
Er begrüßte meine Mutter und bequemte seinen breiten Arsch in die Sitzkuhle neben mir. „Was machen wir?“, fragte er. „Nix.“ „Cool.“ Im Fernseher lief Ren & Stimpy, uns lief der Schweiß. Keine Ahnung, wie lange wir dort saßen und wie viele Gläser Wasser wir mit Zitronen-Tee-Pulver mischten, bis es wieder klingelte. „Es ist offen, ihr Hurensöhne!“
Bernd und Bernd, die eigentlich beide nicht Bernd hießen, stürmten ganz aufgeregt ins Wohnzimmer: „Videorekorder. Sofort!“ „Scheiße, habt ihr…?“ „Ja Mann, Trainspotting!“ Bernd hielt die Kassette hoch, wie einst der Highlander sein Schwert. Wir knieten ehrfürchtig zu seinen Füßen. Damals kannten wir noch kein Internet, aber überall erzählte man sich von diesem Film. Drogen, coole Gang, abgefuckte Leute. Genau unser Ding. Und Bernd hatte eine der ersten Schwarzmarktkopien aufgetrieben. „Ist die auch zurückgespult?“ Sie war. Der schönste Tag meines Lebens zum Greifen nah. Aber wie ihr euch denken könnt, waren auf der Videokassette nur die Trailer zu Trainspotting und ein paar anderen Filmen drauf. „Dieser scheiß Wichser! 20 Mark für’n Arsch!“
Bis in die Nacht hinein als meine Mutter die drei rausgeschmissen hat, saßen wir da und haben uns den Trailer reingezogen. Den Tag werde ich trotz der ersten Enttäuschung nie vergessen und die Vorfreude auf den Film wuchs ins Unermessliche, bis Bernd, Cosby und ich ihn endlich sehen konnten. Und was soll ich sagen, er war noch tausend Mal besser, als wir ihn uns ausgemalt hatten.

Heute

Ich sitze mit buckeligem Rücken vor meinem Laptop und schaue mir ein Video an, welche Übungen man mit einer Faszienrolle ausführen kann. Nicht, dass ich eine hätte, aber ich brauche die Ablenkung, da ich nicht weiß, wie ich die Kritik zu Trainspotting 2 weiterschreiben soll. Bisher habe ich:

Ist sich seiner Nostalgie bewusst.
Aber nur weil jemand weiß, dass ihm kein besserer Name für eine Webseite eingefallen ist, macht das den jetzigen Namen auch nicht besser.

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© Sony Pictures

Ich könnte Bernd oder Cosby fragen, wie sie den Film fanden, aber wir hatten seit über fünfzehn Jahren keinen Kontakt mehr. Bernd hat früh die Schule gewechselt und lebt jetzt in Portugal, erzählt man sich. Bernd sollte ich mal wieder besuchen, aber irgendwie finde ich nie die Zeit. Montag nach der Arbeit kaufe ich Chrysanthemen, versprochen. Und Cosby, früh geheiratet, früh geschieden, früh ein zweites Mal geheiratet und früh das Unternehmen seines Vaters geerbt. Keine Ahnung, ob die beiden sich den Film überhaupt angeschaut haben oder ob sie sich noch an den Tag erinnern können. Eigentlich traurig, wenn man es bedenkt. Kaum zwanzig Jahre her und doch ist alles anders.
Irgendwie kommt einem Trainspotting 2 da gerade recht. Begbie sitzt noch immer im Knast, Spud ist noch immer drogensüchtig, Sick Boy bekommt sein Leben immer noch nicht auf die Reihe und erpresst jetzt Leute aus der Oberschicht mit Sexvideos. Und Renton, der sucht noch immer nach dem Sinn des Lebens und kehrt zurück nach Edinburgh. Viel hat sich nicht verändert und irgendwie stimmt mich das traurig. Damals waren es meine Helden und jetzt leben sie von Sozialhilfe. Das wollte ich nicht. Genauso wenig wie ich manchmal im Spiegel der Wahrheit ins Auge blicken möchte, sträube ich mich davor, mit den Vieren eine ganze Generation den Bach runtergehen zu sehen. Aber ich habe es trotzdem getan und bis auf Nostalgie hat mir der Film wenig geboten.

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© Sony Pictures

Einige Szenen kommen mir aus anderen Filmen bekannt vor, wie z.B. ein unbekanntes Liedchen in einem fremden Club trällern aus Euro Trip und zum ersten Mal ist mir auch Danny Boyles Regie negativ aufgefallen, der es hier mit Standbildern übertreibt und der fehlenden Geschichte nichts wichtiges hinzufügen kann. Über allem steht der Konflikt von damals mit der geklauten Kohle und wie die Jungs heute damit umgehen. Alles gebrochene Gestalten, die veranschaulichen, dass man etwas aus seinem Leben machen sollte, solange einem die Chance geboten wird. Zwei tieftraurige Szenen, flache Witze wie aus einer Sketchparade, Musik aus einer vergangenen Zeit und Drogenexzesse, aber ohne die Konsequenz von damals.
Und jetzt sitze ich hier und frage mich, ob nicht ich es bin, der sich verändert hat und deswegen nichts mit T2 anfangen kann. Zu dem geworden, was wir damals unbedingt vermeiden wollten. Ein Spießer mit einer eigenen Filmkritikenseite, der schlecht über Trainspotting schreibt. Ich habe den Zettel nicht mehr, den ich damals an mein 35-jähriges Ich adressiert habe, aber da stand bestimmt ein anderer Traum drin.
Den Vieren hingegen ist es gelungen, dass sich nichts verändert hat und sie sind trotzdem mit dem Leben unzufrieden. T2 Trainspotting ist Hommage und Abgesang zugleich, aber funktioniert nur noch in Form von Nostalgie. Viele Szenen werden entweder direkt aus dem ersten Teil übernommen und erneut gezeigt, oder flammen zumindest als Anspielung auf. Am Ende schließt sich mit dem zweiten Kapitel gar ein Kreis zum ersten. Aber stattdessen hätten sie es erst gar nicht öffnen sollen. Und daran hätte ich mir dann ein Beispiel nehmen können.

Für Fans von Trainspotting

Alternativen: Kids (für unser jüngeres Publikum) und natürlich Requiem for a Dream, den man immer empfehlen kann

…nach oben…


Bewertung auf Filmportalen (Stand: 18.02.2017)

Portal
Bewertung
Stimmen
IMDb
7,9 / 10
9.501
moviepilot
7,1 / 10
84
Filmstarts-User
3,2 / 5
9

Andere Meinungen zu T2 Trainspotting

Culturshock (Kein würdiger Nachfolger, aber eine würdige Wiederbegegnung) |
Die Nacht der lebenden Texte (Die Fortsetzung wäre nach all den Jahren nicht zwingend nötig gewesen und kann dem Vorgänger auch nicht das Wasser reichen, dennoch schauen wir beim Wiedersehen sehr gern zu) |
flightattendantlovesmovies (Ich hatte viel Spass mit den Charakteren, liebte einige Szenen und das Ende hat Gänsehaut bei mir erzeugt) |
Klatsch-Trasch (Der Film ist gleichermaßen melancholisch und witzig, hat ein gutes Erzähltempo und hält einige Überraschungen parat) |
Kraftfuttermischwerk (Trainspotting 2 ist ein verdammt guter Film, weil er einen so wunderbar ehrlich die letzten 20 Jahre Revue passieren lässt) |
Kriminalakte (Damit wirkt der Film wie die Wiedervereinigung einer einstmals geliebten Band, die jetzt eine neue CD einspielt, die in ihren besten Momenten alte Ideen wiederholt, in ihren schlechtesten Momenten langweilt) |
mehrfilm.de (Am Ende ist T2 Trainspotting somit nicht viel mehr als ein nettes Wiedersehen mit viel Neon, viel Glitzer und ein wenig Lärm um relativ wenig) |
Wessels Filmkritik (T2 Trainspotting schaut sich somit wie ein etwas behäbiger und zwanzig Jahre älterer Bruder des Ausgangsfilms, der wiederum mit seiner Reife überzeugen kann)

Oder kurz gefasst: besonders, wenn nicht nur, für diejenigen zu empfehlen, die den ersten Teil vor zwanzig Jahren mochten, in der Zeit erwachsen geworden sind und nun mit etwas Wehmut im Gepäck zurückblicken möchten.

…nach oben…

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3 Gedanken zu “T2 Trainspotting – Filmkritik(?)

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