A Cure for Wellness – Filmkritik(?)

Filmkritik zu A Cure for Wellness – Mystery mit wenigen Horror-Elementen und einem schwachen Ende

Krankheit

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© Twentieth Century Fox

Kaum wirfst du die Scheuklappen ab und siehst, wie die Welt funktioniert, wirst du wie ein Aussätziger behandelt. Du sagst, dass es nicht sein könne, dass für den Reichtum weniger der halbe Erdball darunter leiden müsse. Du hast doch die Chance, etwas aus deinem Leben zu machen und überhaupt wohnst du in Europa und solltest dich lieber über dein Geburtsprivileg freuen, sagt man dir. Immer wieder sagt man es dir. Nicht das System krankt – du bist der Kranke. Immer wieder. Anfangs versuchst du dich zu wehren und versuchst dem allen zu entfliehen. Keine Ausbildung, kein Studium, kein Job, nur weit weg. Zu weit weg. Manche Vorzüge gefallen dir bereits. Internet, Handy, das Kino als Weltenflucht. Es zerreißt dich. Innerlich. Äußerlich lässt du dir nichts anmerken. Grinsen. Nur die Augen machen nicht mit, denn die haben bereits zu viel gesehen und lassen dich nicht vergessen. Du drehst langsam durch. Noch immer reden sie es dir ein. Dir hat es gut zu gehen. Das System hat sich bewährt. Finde deinen Platz darin. Du sträubst dich. Innerlich. Äußerlich gehst du jetzt einem normalen Leben nach. Normal für alle anderen. Montag bis Freitag arbeiten und am Wochenende die Fernbeziehung, um rauszukommen. Fünf Wochen Urlaub, um abzuschalten. Doch deine Augen haben bereits zu viel gesehen. Du schreist auf – keiner hört zu. Du schreist lauter und du wirst zumindest gehört. Depression lautet die Diagnose.

Behandlung

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© Twentieth Century Fox

Sie nennen es Kur, du hast noch keinen Namen dafür. Weit weg von der normalen Gesellschaft befindet sich dein Geist in Isolationshaft. Die Schweizer Alpen im Blick, Gleichgesinnte neben dir. Ihr könntet miteinander reden, aber zu sehr glaubst du jetzt daran, dass du krank bist. Dass du dich anpassen musst. So weit weg, dass du dich wohlfühlst. Medikamente stellen dich ruhig und geben dir das Gefühl, dass sich der Aufenthalt lohnt. Nur wer krank ist, kann auch gesund werden. Fortschritt ist Bewegung nach vorne, während Stehenbleiben sich wie langsamer Rückschritt anfühlt, erzählt man dir. Du glaubst es.
Die Zeit vergeht und deine Vergangenheit holt dich ein. Ein alter Arbeitskollege kommt, um dich mitzunehmen. Du musst etwas unterschreiben. In deinem Namen. Doch da draußen gibt es dich nicht mehr. Du gehörst jetzt hier her. Er redet auf dich ein, dass du gesund aussiehst. Das sahst du schon immer. Er geht. Du atmest durch und bist so aufgeregt, dass die Ärzte dich dorthin bringen, wo er dich nicht mehr finden kann. Ein Unfall sorgt dafür, dass er zurückkommt. Als Patient. Und wie du weißt, ist noch nie ein Patient je wieder von hier weggegangen. Warum auch. Hier wirst du geheilt. Er will es nicht wahrhaben und sucht dich weiterhin. Und entdeckt Schreckliches.

Rückfall

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© Twentieth Century Fox

Schreckliches, wie das schreckliche Ende von A Cure for Wellness. So gut man die zuvor aufgebaute Stimmung auch finden mag, das Ende versaut alles. Sie hatten die Chance, 20 Minuten früher mit einem halboffenen Ende aufzuhören und es wäre okay gewesen. Aber nein, sie mussten die Geschichte mit einem absurden, zum Kopfschütteln anregenden Schluss zu Ende bringen, der auch den letzten Zuschauer in den Abend hinein verprellt und alles zuvor Gesehene in das Gegenteil von Wohlgefallen auflöst.
Dass A Cure for Wellness mit seinen 146 Minuten eh schon viel zu lang läuft und sich immer wieder in überflüssigen Szenen verliert – geschenkt. Dass das Sanatorium einen viel zu schönen Ausblick mit prächtigen Farben bietet, um durchgehend für bedrohliche Stimmung zu sorgen – sei’s drum. Dass die Geschichte wie ein Zusammenwurf aus dem Roman Der Zauberberg, dem Film Shutter Island und dem Videospiel Bioshock wirkt – ja mei. Aber dieses völlig verhunzte Ende, das dem ganzen Mysterium eine zu enge Dornenkrone aufsetzt, dem kann nicht verziehen werden. Bei einem Actionhorror-Spiel wie Resident Evil 4 kann man sich so einen Murks aus den Fingern saugen, aber hier führt die Multiplikation zweier verschiedener Geschichten – Mann zu Unrecht im Irrenhaus und der Grund für das Irrenhaus – zu einem negativen Ergebnis. Und die drei wirklich fiesen Horror-Elemente als positives Glanzstück habe ich bereits mitgerechnet.

Geheilt

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© Twentieth Century Fox

Ich rege mich nicht mehr auf. Ich sehe die Welt nun, wie sie ist: berauschend. Ich brauche kein Kino mehr, um mich abzulenken. Die schönsten Geschichten schreibt das Leben und nicht Justin Haythe oder Gore Verbinski, die Autoren von A Cure for Wellness. Nett anzusehende Kameraeinstellungen erkunde ich hier selbst mit meinen eigenen Augen. Eine bedrohliche Stimmung erlebe ich nachts allein im Wald, wenn ich auf der Lauer liege. Ein gutes Ende bekommen meine Opfer ebenfalls nicht. Ich brauche A Cure for Wellness nicht mehr. Ich habe meine eigene Heilung gefunden, indem ich Kinogänger vor dem Ende des Filmes bewahre und die Welt nach und nach von ihrer schlimmsten Krankheit befreie: dem Menschen. Nur, dass ich jetzt nicht mehr bei mir selbst anfangen will.

Atmosphärische Alternativen mit einer durchdachteren Geschichte: The Jacket, Suspiria und Jacob’s Ladder

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Bewertung auf Filmportalen (Stand: 25.02.2017)

Portal
Bewertung
Stimmen
IMDb
6,6 / 10
5.101
moviepilot
6,4 / 10
78
Filmstarts-User
3,0 / 5
11

Andere Meinungen zu A Cure for Wellness

Kinogucker (Positive Schauwerte aber lachhafte Geschichte) | Komm & Sieh (Visuell reizvoll aber Story langatmig) | Kriminalakte (Schön gefilmt aber Geschichte chaotisch-sinnfrei) | Popkulturelle Differenzen (Visuell Top, Geschichte Flop) | Wessels Filmkritik (Hochspannend und definitiv sehenswert)

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13 Gedanken zu “A Cure for Wellness – Filmkritik(?)

  1. Schade, hatte mich richtig drauf gefreut 😦 Aber man könnte ja mal probieren nach 120 Minuten einfach so den Saal verlassen, so schafft man gleich ein doppeltes Mysterium: Das offene Ende, und das wahre Ende 😉

    Gefällt 1 Person

    • Und du könntest den Anfang machen. Allerdings würdest du dich dann immer fragen, ob dir das „wahre Ende“ nicht vielleicht doch gefallen hätte. Und nachdem ich es so schlecht gemacht habe, ist deine Erwartungshaltung eventuell schon so niedrig, dass es dir gar nicht so viel ausmacht wie mir.

      Aber falls du es wirklich durchziehen willst, dann geh, sobald die beiden auf der Bank sitzen und er grinst. Du wirst es dann schon wissen.

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