The House That Jack Built – Filmkritik(?)

Filmkritik zum Thriller über einen Serienmörder The House That Jack Built (2018)

Gesehen im Kino
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In jedem Ingenieur steckt ein Genie

„Die Hölle wird erst dadurch zur Hölle, dass man Kenntnis vom Himmel hat.“

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© Concorde Filmverleih GmbH

Statistisch gesehen ist Weihnachten nicht nur das Fest der Liebe, sondern auch dasjenige der Hiebe. Als Erklärung für die gesteigerte Zahl der Fälle von häuslicher Gewalt wird angeführt, dass der gewaltbereite Teil in einer Beziehung über Weihnachten häufiger Zuhause ist. Gelegenheit macht Hiebe.
Was hier so salopp dargelegt wird, ist kein Grund zum Lachen, aber behauptetermaßen essentiell für das Verständnis des heute zu besprechenden Filmes: The House That Jack Built.

Dort geht es um häusliche Gewalt in seiner ausgeartesten Form, dem Mord. Matt Dillon, den ich besonders in seiner Rolle aus Wild Things liebgewonnen habe, spielt einen Ingenieur mit dem Hobby Serienmord, der im Voice-Over einer anderen Person (Bruno Ganz) fünf Geschichten erzählt. Fünf Geschichten von fünf Vorfällen aus einer Zeit, die er nicht einmal in einer Bewerbung als Metzger in seinen Lebenslauf schreiben würde.
Mehr als 60 Menschen fielen ihm zum Opfer und wir als Zuschauer wohnen einigen Beispielen bei. Hautnah und doch sehr distanziert.

Lars von Trier – das lob ich mir?

Warum gerade für diesen Film das Format einer ernstgemeinten Kritik im eigentlichen Sinn gewählt wurde, ist besonders vor dem Hintergrund fraglich, dass die filmische Vorlage so viel bietet, mit dem es sich zu spielen lohnen würde. Eingestreute Bilder von Kunstprodukten verschiedener Epochen, eine Vielzahl an Metaphern, die dem Zuschauer netterweise direkt erklärt werden und bedeutungsschwangeres Geschwurbel über das Leben, den Tod und alles, was sich dazwischen befindet.
Regisseur Lars von Trier macht jedenfalls keinen Hehl daraus, dass er von seinen bisherigen Arbeiten mehr hält als von seiner eigenen von Depressionen zerfressenen Person, wenn er gleich aus mehreren Filmen Szenen in seinem neuesten Werk einbaut. Doch im Grunde ist The House That Jack Built ein Psychothriller, der nicht nur von der Thematik stark an American Psycho und Maniac erinnert. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass hier ein am Ende unnötiger Überbau gewählt wird, in dem die Hauptfigur seine Morde erzählt. Wobei nicht nur die Hauptfigur seine Meinung los wird, sondern durch ihn auch Drehbuchautor von Trier über Kunst, Kritik und Kirche fachsimpelt.

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© Concorde Filmverleih GmbH

Wie bereits angedeutet, hätte es das nicht gebraucht. Die Hintergründe des Mörders werden zwar nicht zu Tode erklärt, allerdings hätte man hier großflächig den Rotstift ansetzen können, um das Werk auf eine Laufzeit von unter zwei Stunden zu bringen. Denn The House That Jack Built bringt genug Emotionen und Atmosphäre dafür mit.
Der Protagonist durchlebt einen Wandel von einem (gewollt?) unbeholfenen Mann mit Putzfimmel zu einem eiskalten Mörder, der nicht nur sprichwörtlich über Leichen geht. Das wird einerseits lustig, andererseits todernst dargestellt, dass einem das Lachen zwei Sekunden später beinahe Leid tut. Bis man sich fragt, warum man so fasziniert auf die Leinwand starrt, obwohl man sich gleichzeitig angeekelt wegdrehen möchte. Abgesehen von den letzten ca. zwanzig Minuten, die nur erzählen, was ein zuhörender Zuschauer bereits wusste, lässt einen das Gesehene keineswegs kalt.

Doch dabei wollte es unser Künstler leider nicht belassen. Ein einfacher Film aus der Sicht eines Verbrechers hat ihm augenscheinlich nicht ausgereicht. Es müssen Themen verarbeitet werden, die ihm besonders am Herzen liegen. Dass das Stück dies nicht gebraucht hätte, war ihm entweder egal, oder er hat es schlicht verkannt. Denn der Film funktioniert immer dann am besten, wenn ihm diese Nebenbemerkungen egal sind. Wenn er im Zuschauer Gefühle auslöst. Und nicht dann, wenn er zu Interpretationen anregen will.
Man mag anmerken, dass er sich dann zu wenig von der Masse abgehoben hätte. Aber das hätte er bereits allein durch seine Stimmung. Spannung zu erzeugen ist eine Kunst, über Kunst zu philosophieren ist dagegen weniger spannend.

Fazit

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© Concorde Filmverleih GmbH

Das Endergebnis ist ein sehenswerter Thriller, der den Zuschauer in seinen blutigen Bann zieht, ihn aber zu viel auf der Reise an die Hand nimmt. Davon abgesehen löst er jedoch so viel aus, dass ich ihn kein zweites Mal sehen möchte. Und das schreibe ich im positivsten Sinn dieser Aussage. Schlechte Filme tuen weh, obwohl sie es nicht wollen, The House That Jack Built tut weh, weil er es will – und das auf eine erlösende Art und Weise.
Leider kann das zu platte Ende, an dem der Titel zu einer unbefriedigenden Erklärung kommt, die zuvor gesetzten Erwartungen nur noch in einer malerischen Einstellung erfüllen.

Schade, dass der Film sein Potential nicht vollumfänglich ausschöpfen kann. Wenn Herr von Trier sich und seine Erklärung der Welt mit in seinen Augen passenden Parabeln mehr zurückgenommen hätte, dann hätten wir hier das bekommen, was A Serbian Film übertrieben hat: einen faszinierenden, weil unangenehmen Film. So bleibt ein zwiespältiger Eindruck, dessen positiven Erinnerungen trotz aller Kritikpunkte überwiegen. Denn im Gegensatz zu Kick-Ass 2 schafft The House That Jack Built in den meisten Fällen den unbehaglichen Spagat zwischen Humor und Gewalt. Auch wenn der Spagat gelegentlich in der Totenstarre erzwungen wurde.

Als Alternative für zartbesaitete Gemüter sei Nightcrawler mit Jake Gyllenhaal empfohlen.

…nach oben…


Bewertung auf Filmportalen (Stand: 23.12.2018)

Portal
Bewertung
Stimmen
IMDb
7,1 / 10
10.879
moviepilot
7,0 / 10
231
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