Das schweigende Klassenzimmer – Filmkritik(?)

Filmkritik zum DDR-Drama Das schweigende Klassenzimmer (2018)

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Basierend auf einer wahren Begebenheit


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© Studiocanal GmbH Filmverleih

Ein Satz, der mich nicht weniger interessieren könnte, wenn es um den filmischen Unterhaltungswert geht. Er vermehrt vielleicht unsere Gedanken zu dem gesehenen Kunstprodukt, aber ein Film muss an erster Stelle immer als Film funktionieren. Selbst eine Dokumentation ist nicht in der Lage, die Wahrheit 1 zu 1 abzubilden. Ein Spielfilm erst recht nicht. Muss er auch nicht. Er soll sich sogar Freiheiten herausnehmen, wenn es dem Genuss des Zuschauers dient. Und genau das macht Das schweigende Klassenzimmer.

Ob das unter dem Deckmantel der „wahren Begebenheit“ nun als verwerflich zu betrachten ist, muss jeder für sich sich selbst beurteilen. Die Grundthematik entspricht immerhin der Überlieferung von beteiligten Zeitzeugen. Ob euch der Film gefällt, müsst ihr ebenfalls selbst beurteilen. Oder ihr lest die nur aus Plattitüden bestehende „Filmkritik“ bei Spiegel Online – und ja, mir ist bewusst, dass das Wort Plattitüde mit die größte Plattitüde darstellt.
Auf dieser Seite lest ihr nur das, was eine Filmkritik zu leisten im Stande ist: hat mir der Film gefallen und wenn ja, was sind die vermeintlichen Gründe, die ich mir als Erklärung dazu aus der Tastatur sauge?

Stille Nacht = heilige Nacht?

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© Studiocanal GmbH Filmverleih

Ganz ehrlich, die Lehrer zu meiner Schulzeit hätten sich über zwei Minuten Stille ernsthaft gefreut. Nicht so 1956 in der DDR. Aus Solidarität für die Gefallenen im Ungarischen Volksaufstand hat ein Schüler die Idee, eine Schweigeminute zu Beginn des Geschichtsunterrichts abzuhalten. Die Klassengemeinschaft stimmt ab und setzt um. Fehler. DDR-Funktionäre bekommen Wind von der Aktion und wollen wissen, wer die Verantwortlichen dieser „Konterrevolution“ waren. Wie weit geht die Loyalität der Schüler gegenüber ihren Klassenkameraden?

Die Geschichte ist das Herzstück dieses Filmes. Sie ist nicht so spannend und filmisch umgesetzt, wie der erfundene Das Leben der Anderen, aber wusste mich trotzdem mit den Nachwehen der Schweigeminute zu fesseln. Alles davor ist DDR-Ostalgie, wie man sie aus den wahren Begebenheiten unter den Teppich kehrenden Fernsehsendungen auf RTL und anderen Fernsehsendern kennt, die sich ernstlich wundern, warum immer weniger Menschen den Fernseher für etwas anderes als Netflix und Co. nutzen. Es war nicht alles gut in der DDR.
Während dieser Punkt in Das schweigende Klassenzimmer allenfalls angedeutet, jedenfalls zu keiner Zeit zelebriert wird, verschafft er sich durch seine psychologische Komponente Gehör: Wie wichtig ist mir mein eigenes Leben, bzw. das meiner Familie, im Vergleich zu einer politisch wichtigen Aktion? Es geht viel um Verrat und seine Folgen, um Freundschaft, unnötigerweise auch um ein Liebesdreieck, und um die jugendliche Entwicklung einer Meinung. Einer Meinung zu einem System, dessen damalige Umsetzung alles andere als glorifiziert gehört. Und dabei befanden wir uns erst im Jahre 1956…

Die deutsche Geschichte ist voll von Begebenheiten, die es sich zu erzählen lohnt. Ob man die Protagonisten als vorreitende Beispiele nimmt, oder sie als Idioten abstempelt, die ihr Leben für eine unsinnige Aktion aufs Spiel gesetzt haben, spielt dabei keine Rolle. Die Gedanken werden dank dieses unterhaltsamen Stücks Geschichtsunterricht angeregt. Und selbst wenn es sich nicht genau so zugetragen hat [Abweichungen und Hinzudichtungen gibt es sehr viele], steht am Ende immer noch ein Film, der mich über fast zwei Stunden mit seinen Figuren, Schicksalen und zentralen Fragen zu begeistern wusste.

Fazit

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© Studiocanal GmbH Filmverleih

Ich wiederhole: ein Film, der mich über fast zwei Stunden mit seinen Figuren, Schicksalen und zentralen Fragen zu begeistern wusste. Und das, obwohl er es mit der Filmmusik bisweilen übertreibt. Besonders die Schweigeminute wäre ohne den musikalischen Zusatz noch kraftvoller geworden.

Warum genau das so ist und ob er euch gefallen wird, das zu beantworten kann eine Filmkritik nicht leisten. Schaut ihn euch an, wenn die Grundthematik euer Interesse weckt. Hätte ich dem Verriss bei Spiegel Online geglaubt (den ich erst im Nachhinein gelesen habe), wäre mir ein sehenswerter Film entgangen. Aber wer sagt, dass ihr das genauso seht? Vielleicht regt ihr euch danach darüber auf, dass ich ihn gelobt habe und ihr alle meine Punkte anders seht. Ich weiß es nicht und kann es auch nicht wissen.
Es gibt im richtigen Leben schon nicht die eine Wahrheit. Wie soll sie dann in der Kunst existieren? Schweigen

…nach oben…


Bewertung auf Filmportalen (Stand: 25.12.2018)

Portal
Bewertung
Stimmen
IMDb
7,3 / 10
1.156
moviepilot
7,3 / 10
265
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14 Gedanken zu “Das schweigende Klassenzimmer – Filmkritik(?)

  1. Steht zusammen mit „Der Hauptmann“ auf meiner Liste von deutschen Filmen, bei denen man mal ein Blick riskieren kann.
    Und ein Verriss vom Spiegel ist doch schon fast wieder ein Kompliment, oder? 😀

    Gefällt 2 Personen

    • „Steht zusammen mit „Der Hauptmann“ auf meiner Liste von deutschen Filmen, bei denen man mal ein Blick riskieren kann.“

      Ich hoffe doch schwer, dass das nicht die einzigen beiden auf dieser Liste sind 😉

      „Und ein Verriss vom Spiegel ist doch schon fast wieder ein Kompliment, oder? 😀“

      Auch wieder wahr 🙂

      Gefällt 1 Person

      • So ziemlich die einzigen, wobei du mich auch noch an „Fikkefuchs“ erinnert hast 😀 Sonst sieht es an deutschen Filmen aus 2018 eher dünn aus.

        Irgendwer mochte doch den neuen Schweiger-Klassentreffen-Film? Weiß aber nicht mehr ob es Spiegel oder Bild war 😀

        Gefällt 2 Personen

        • „Irgendwer mochte doch den neuen Schweiger-Klassentreffen-Film? Weiß aber nicht mehr ob es Spiegel oder Bild war 😀“

          Also beim Spiegel würde mich das doch sehr wundern, da die ja eh fast alles negativ bewerten. Und dann auch noch Til Schweiger… Allerdings werde ich mir den Film so schnell nicht ansehen, um mir ein eigenes Urteil zu bilden. Da reicht mir der Trailer völlig aus, um weit Abstand zu nehmen.

          „Ballon“ von Michael Herbig soll noch recht sehenswert sein, aber kann ich wegen mangelnder Anwesenheit im Kino nichts zu sagen. Ebenso „Der Vorname“, bei dem ich zumindest das belgische Original sehr stark empfehlen kann.

          Gefällt 2 Personen

          • Schweiger, Schweighöfer und Co. tue ich mir alle Jubeljahre mal wieder an, da ja Millionen von Zuschauern scheinbar Spaß mit den Filmen haben und ich vielleicht einfach nur voreingenommen bin. Bis jetzt war aber das Maximum ein durschnittlicher Film 😀

            Die deutsche Oscar-Hoffnung „Werk ohne Autor“ nicht vergessen. „Ballon“ klingt wirklich interessant, auch weil ich noch nie einen ernsten Film von Bully gesehen habe. Allerdings bin ich großer Fan und somit wird der mit Sicherheit auch mal nachgeholt. Der deutsche Film ist schon nicht so schlecht wie sein Ruf, aber man muss halt immer etwas nach den Perlen suchen 😀

            Gefällt 1 Person

            • „Die deutsche Oscar-Hoffnung „Werk ohne Autor“ nicht vergessen.“

              So wenig, wie der von Kritik und Publikum angenommen wurde, habe ich da keine große Hoffnung. Aber auch den zugegeben nicht gesehen.

              „da ja Millionen von Zuschauern scheinbar Spaß mit den Filmen haben und ich vielleicht einfach nur voreingenommen bin.“

              Das frage ich mich manchmal auch. Aber es gehen auch Millionen bei McDonald’s essen, obwohl mittlerweile viele „richtigen“ Restaurants günstiger sind…

              Gefällt 2 Personen

              • Habe übrigens gestern noch „Der Hauptmann“ von der Liste gestrichen. Sagen wir es mal so, ich musste meine Toplisten für das Jahr noch überarbeiten 😀

                Sehr guter Vergleich, besonders weil ich ungefähr so oft zu McDonalds gehe wie ich Schweighöfer/Schweiger Filme gucke. Es kommt mal vor, aber man fühlt sich meistens schlecht danach 😀

                Gefällt 2 Personen

          • Ballon und Der Vorname sind sehr empfehlenswert, auch gut waren 25 km/h, Aus dem Nichts und Der Junge muss an die frische Luft.
            Die Bild mochte bestimmt den Schweigerfilm. Schweighöfer kann sogar schauspielen, macht aber meistens Durchschnitt bis Grütze

            Gefällt 1 Person

            • Schauspielern: ja. Drehbuch und Regie: leider nein. Wer ihm und Schweiger gesagt hat, dass es eine gute Idee sei, hinter jeder zweiten Szene einen vollaufgedrehten Popsong dröhnen zu lassen, dem würde ich gerne meine Meinung dazu geigen.

              Der Vorname konnte nicht viel falsch machen, da er sich an einem grandiosen Vorbild orientiert (Le Prenom), aber japp, das deutsche Kino bringt durchaus seine Perlen hervor. Man muss nur sehr viele faule Muscheln durchsuchen, bis man sie findet.

              Gefällt 1 Person

  2. Wenn der Spiegel einen deutschen Film verreist, ist er meistens überaus gut, das war bei Aus dem Nichts so. Hab den mit dem Geschichte LK im Kino gesehen und kann ihn nur wärmstens empfehlen, bei mir steht er auch auf der Prime Watchlist.

    Gefällt 1 Person

    • Spiegel Filmkritiken kann man leider generell vergessen, daher hatte ich mal wieder das Bedürfnis dies besonders zu erwähnen. Meist wird gar nicht großartig auf den Film eingegangen sondern nur auf irgendwelche Nebenschauplätze.
      Aber gut, der Spiegel hat gerade genug Probleme, wollen wir nicht weiter auf ihn eintreten ^^

      Es gibt viele deutsche Filme, die zum Vergessen sind, aber die historischen gehören selten dazu (meist sind es Komödien).

      Gefällt 1 Person

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