Plötzlich Familie – Filmkritik(?)

Filmkritik zur Dramödie Plötzlich Familie (OT: Instant Family, 2019)

Gesehen am 07.01.2019 in der Sneak Preview. Kinostart am 31.01.2019.
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Himmelhochjauchzend

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© Paramount Pictures

Abends halb neun in Deutschland. Startschuss für die Sneak Preview im Cinestar. Lange ist es her, dass ich mich in die Sneak getraut habe, ohne vorher zu wissen, was kommt. Filme wie Boudu und Grenzverkehr haben mir irgendwann den Spaß an der Vorfreude versaut. Das eigentliche Ziel ist zwar durchaus, Filme sehen zu können, denen man sonst niemals Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Aber halbwegs unterhaltsam sollten sie halt doch sein.
Dieses Mal wusste ich absolut nichts und nachdem ein Trailer zu Happy Deathday 2U gezeigt wurde, wuchs die Erwartung, dass sie entweder einen spaßigen oder einen Horrorfilm zeigen würden. Oder mit Glass eine Mischung aus beidem.

Die Eispause beginnt und es hebt jemand die Hand. In der halben Stunde Werbung hattest du natürlich keine Zeit, nach draußen an die Theke zu gehen. Naja, das Angebot regelt die Nachfrage. Ich schaue auf den mitgenommenen Flyer für das Seniorenkino im Januar und frage mich, wie meine Begleitung wohl in 30 Jahren ausschauen wird. Mir schaudert es, als der Eisverkäufer mit seinem Bauchladen an meinem Nacken vorbeistreicht. Sekunden später löscht er das Licht und die Vorstellung beginnt… nach einem weiteren Trailer zu einem Film, den ich bereits wieder vergessen habe. Dann beginnt der Film tatsächlich. Das Paramount-Logo erscheint. Die haben mit Mission: Impossible Fallout und A Quiet Place jüngst zwei Filme herausgebracht, die ich richtig gut fand. Ich entspanne mich also leicht. Irgendeine deutsche Gurke werde ich wohl nicht zu sehen bekommen. Diese Sexkomödien mit stundenlangem Moralgequatsche am Ende, dass Monogamie doch die einzig wahre Form des Zusammenlebens sei, habe ich wahrlich satt.
Ui, ui, ui. Ein altes, heruntergekommenes Haus kommt ins Bild. Ein Horrorfilm? Das wär doch mal was. Besonders weil meine tapferen Mitstreiter darauf sehr empfindlich reagieren. Ein schelmisches Grinsen fährt über mein Gesicht. Nach wie vor kein Titel zu sehen. Dafür betritt Rose Byrne das Bild. Und die hat u.a. in Insidious und Nachfolgern mitgespielt. Ein Mann läuft hinter ihr her. Es ist… Mark Wahlberg.

Zu Tode betrübt

Mein Grinsen weicht einem überraschten Ausdruck. Ich hatte gar keine Ahnung, dass bald ein Film mit ihm erscheinen würde. Und dann auch noch ein Horrorfilm. Sekunden und ein paar platte Dialoge übers Kinderkriegen später wurde mir klar, dass das hier kein Horrorfilm ist. Schade. Aber mei, eine lustige Komödie ist nicht zu verachten. Und nein, das ist leider keine Tautologie.
Einige Zoten und eine unerwartet schwarzhumorige Rückblende später beginnt das Drama. Im übertragenen und im eigentlichen Wortsinn. Die beiden Hauptdarsteller schauen sich Kinder an, die eine Pflegefamilie suchen. Und wie das Drehbuch so will, entscheiden sie sich für ein solches Kind. Und dessen zwei Geschwister. Den Rest des Filmes kann man sich denken.

 

Dramödie oder Koma?

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© Paramount Pictures

In meiner Erinnerung wird Walt Disney immer noch nachgesagt, er habe behauptet, dass für einen guten Film Trauer und Freude nah beieinander liegen müssten. Genau dies versucht Plötzlich Familie umzusetzen. Allerdings mit seltsamen Methoden, die nicht so recht zusammen passen wollen. Einerseits haben wir derben Humor mit Prügeleien, blutigen Messern, Pimmelbildern und verletzten Kindern – auf der anderen Seite werden die Tränendrüsen bis zum Anschlag durchgedrückt, wenn es um den Wert von (Pflege-)Familien und familiärer Liebe geht. Tonal scheinen sich die Drehbuchautoren, die bereits Kill the Boss 2 zu verantworten hatten, nicht einig gewesen zu sein, was sie wie stark gewichten wollten. Die beiden Gefühlspaletten greifen nicht so recht ineinander und bleiben auf gegensätzlichen Polen stehen.

Zusätzlich werden einzelne filmische Disziplinen fragwürdig umgesetzt. Der Soundtrack z.B. besteht gegen Ende aus halbwegs beschwingten Popsongs, alles davor besteht aber aus nahezu dauernd im Hintergrund laufendem Fahrstuhlgedüdel, das einen derbe an den Nerven zehrt, wenn man es beachtet. Und die Regiearbeit ist ebenso unstet, wenn plötzlich nahezu unmotiviert Zeitlupenszenen eingestreut werden, deren Sinn man sich zwar denken kann, aber nicht auf den Zuschauer übertragbar sind.
Irgendwo in diesem Kuddelmuddel aus verschiedenen Versatzstücken versteckt sich ein unterhaltsames Produkt zum Lachen, irgendwo eines zum Heulen und irgendwo eines zum Abschalten.

Man kann zwar sagen, dass für alle was geboten wird. Aber genauso muss man sagen, dass nichts so richtig toll umgesetzt wurde. Die Figuren sind fast ausschließlich Stereotypen, was gerade für den dramatischen Anteil nicht von Vorteil ist. Manche dienen nur dazu, bloßgestellt werden zu können. Andere nur dazu, beim Zuschauer ein beruhigtes Seufzen hervorzulocken. Der Humor schwankt zwischen Sprüchen für Erwachsene und harmlosem Spaß für Kinder. Die Dramatik ist manchmal auf den Punkt und schafft es, die Gefühlslage von Pflegekindern und -Eltern zu bebildern. An anderer Stelle sprengen sie jeglichen Rahmen und rauschen rittlings in die Kitschfalle.
Der Film hat viel, das man ihm auf den Plakaten nicht ansieht, aber genau das dürfte zu seinem Problem werden: diejenigen, die einen Film sehen wollen, wie er beworben wird, werden vom Endprodukt abgeschreckt sein. Alle anderen werden nie merken, dass er ihnen vielleicht doch ganz gut gefallen hätte, weil sie Plötzlich Familie von vorneherein vermeiden.

Fazit

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© Paramount Pictures

Für mich stimmt genug, dass meine Zeit nicht verschwendet war, aber mich regt ebenso viel auf, dass ich den Film direkt in die Schublade „den habe ich gesehen?“ verabschiede. Von den anderen vieren fand ihn einer unterirdisch schlecht, zwei ganz okay, und eine befand ihn für gut. Irgendjemand im Publikum hat lautstark geschluchzt, niemand ist vorzeitig gegangen und es wurde viel gelacht.

Insgesamt bleibt mir nurmehr zu sagen, dass der Film ein zwar schönes Ziel verfolgt, aber maßlos an allen Ecken darüber hinausschießt. Gerade in unseren heutigen politischen Zeiten ist man das ja gewohnt.

…nach oben…

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11 Gedanken zu “Plötzlich Familie – Filmkritik(?)

  1. Nach dem ich den Trailer inzwischen dreimal im Kino gesehen habe, möchte ich den Film eigentlich im Kino sehen. So klingt es eher, als wären alle guten Szenen im Trailer verbraten worden. Mal schauen, ob ich mir den gönne.
    Ich weiß noch nicht, wann ich wieder zur Sneak gehe, mein letzter Film war ein Schlag ins Kontor…

    Gefällt 1 Person

    • „Ein Schlag ins Kontor“ kenne ich gar nicht ^^
      Klingt nach einem Sat1-Filmfilm der Woche mit Jimmie-Blue Ochsenknecht und Alexandra Maria Lara 😛

      Nachdem ich mir gerade den Trailer angesehen habe (sofern wir den selben meinen), kannst du dir ihn glaub halbwegs beruhigt ansehen. Die Szenen sind im Film wesentlich ausgeschmückter und es gibt auch noch mehr davon. Hinzu kommt halt noch das Tränendrüsen-Zeug, das sie dort gar nicht zeigen.
      Immer schwierig, aber wenn dir der Trailer zusagt, könnte auch das Endprodukt (mit genannten Abstrichen) was für dich sein.

      Gefällt 1 Person

  2. Rose Byrne? Bei ihr denke ich weniger an Horror als viel mehr an Komödien. Wnn ich ihren Namen höre, denke ich zuerst an „Bad Neighbors“ 😉 Und Mark Wahlberg… da denke ich nur ans Weglaufen 😀

    Gefällt 1 Person

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